Versuchsanordnung zur Renaissancelyrik

Die Duette

Ein Experiment von Tobias Roth zur Übersetzung italienischer Lyrik der Renaissance:

Geleitwort

Erstes Duett

Zweites Duett

 
Wettbewerbstext von Viola Stocker

Polka - von VIOLA STOCKER

Der Sepp war tot. Mutter hatte mich angerufen und mir das am Telefon mit gedämpfter Stimme erzählt. Beerdigung in einer Woche, die Großmutter käme auch mit, mangels eines fahrbaren Untersatzes sollte ich abgeholt werden. Ich sagte zu.

Am Tag der Beerdigung selbst hatten wir Glück. Das sagte auch jeder, den wir vor der kleinen Dorfkirche trafen. Tante  Kati stritt sich mit meiner Großmutter, meine Mutter war bestens gelaunt und unterhielt sich mit ihren Verwandten, stellte mir diesen und jene vor.  Die Reaktion auf mich war immer die gleiche.

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Serie "Vergänglichkeit" von Rüdiger Breitbach und Tobias Roth

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Vorwort »»»»

Die Serie Vergänglichkeit »»»» kombiniert in fünf Bildern Photographien von Rüdiger Breitbach und Texte von Tobias Roth; die auf das Internet ausgerichtete Version, die hier zu sehen ist, wurde von Christoph Medicus programmiert. Der von Anfang an bestehende Gedanke, diese Kombination als Verbindung von Bild und Ton zu realisieren, konnte nun im Rahmen des LITERATURUPDATE 2010 verwirklicht werden. Ausgangspunkt der Gestaltung sowohl des Textes als auch einer möglichen Hängung der Bilder ist die Proportion der Einzelbilder.

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Die strenge formale Bindung wird scheinbar von der inhaltlichen Gegenläufigkeit der Bilder und der Texte unterlaufen: Man sieht schöne Frauen in Abendkleidern und hört Überlegungen zu Blumenstillleben. Die Texte konstituieren wie die Bilder einen eigenen, geschlossenen Sinnzusammenhang, aber die inhaltliche Bindung ist ebenso eng wie die formale.

Vergänglichkeit beschäftigt sich inhaltlich mit dem Phänomen eines normativen Schönheitsideals in Konfrontation mit der verstreichenden Zeit. Als Leitmetapher fungiert die traditionsreiche wechselseitige Ersetzung von Frau und Blume. Wie jeder Körper ist auch der Körper, der in Mode und Kunst das ästhetische Postulat einer Epoche abbildet, dem Zerfall und der Vergänglichkeit ausgesetzt. Vergänglichkeit erzählt diese Zeit und diese Bedrohung durch die Zeit in genau dem Medium, in dem dieses Postulat gegenwärtig vorrangig ausgedrückt wird: in einer Photographie, die sich der strickt graphischen Zugriffsform der Mode und den Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung hingibt. Dieser Photographie entspricht im Sinne der leitmetaphorischen Ersetzung das barocke Blumenstillleben. Beide Gattungen werden in ihrer festlichen Sinnlichkeit und kostbaren Oberfläche transparent auf den Totenschädel der Vanitas.

Flämische Blumenstillleben des sog. Goldenen Zeitalters und die photoshopgestützte (Mode)Photographie unserer Tage berühren sich stärker als nur darin, dass sie beide versuchen, eine Schönheit in sinnenverwirrender, rückhaltloser Weise zur Darstellung zu bringen. Nicht nur liegen beide Gattungen instabil auf der Grenze zwischen sog. Gebrauchskunst/Design und sog. Reiner Kunst. Die hier ausschlaggebende Gemeinsamkeit, die für das Konzept der Serie Vergänglichkeit fruchtbar gemacht wurde, ist die spezifische Herstellung der Fiktionalität und die spezifische Umgangsform, die diese Werke mit ihrer eigenen Fiktionalität pflegen. Die knappste Stichwortkette lautet in diesem Zusammenhang: Skizzierung, Komposition, Steigerung, Verleugnung.

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Das fällt auf den Betrachter zurück, wie die Frauen ins Schwarz, wie der Tautropfen vom Blütenblatt des Stilllebens.

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Wettbewerbstext von Axel Roitzsch

Darwin und Lloyd - von AXEL ROITZSCH

Darwin und Lloyd kannte man in der ganzen Stadt. Man wusste, in welchem Haus sie zur Welt kamen, wo sie zur Schule gingen, in welches Mädchen sie verliebt waren, wann sie in den Krieg mussten, nur nicht warum. Man wusste, warum sie seit der Taufe nie wieder eine Kirche betreten hatten, wieso keiner der beiden eine Frau hatte und dass ihre Stimmen sich beinahe glichen. Man erzählte sich, dass sie im gleichen Bett zur Welt gekommen seien, dass sie, hätte Lloyd nicht eine Stufe in der Schule übersprungen, sich immer eine Bank geteilt hätten, und warum Lloyd kein Hörgerät wolle, obwohl er wegen seiner Schwerhörigkeit über Jahre hin verspottet wurde. Woher das alle wussten, wisse niemand so genau, Darwin und Lloyd seien  immer überaus schweigsam. Nun, nur die Wenigsten wussten, dass sich Darwin und Lloyd jeden Sonntagmorgen, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die ganze Stadt noch schlief, im Mirror’s Diner trafen. Außer ihrem alten Freund hinter der Bar, und das bin ich, waren sie dort für sich allein. Diesen Umstand schätzen könne man erst, wenn man das Wissen, das sie beide hätten, noch nicht habe, sagte Lloyd manchmal.

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Wettbewerbstext von Kathrin Nord

Georg Turkelbaum - von KATHRIN NORD

Auszüge aus einem Roman

Pssst! Wir wollen uns einen Film ansehen. Gleich geht es los. Ich muss nur noch die Filmrolle einlegen und die Wohnzimmerfenster abdunkeln, dann machen wir es uns gemütlich und schauen anderen Menschen beim Leben zu. Ich werde auch alle anderen Fenster schließen. Auf der Straße ist es so laut.

In der Mitte meines Zimmers, auf einem Stehpult, schnarrt ein Filmprojektor. Meine Traummaschine. Sie wirft ein weißes Licht an die leere weiße Wand. Der abgewetzte Samtsessel daneben und ich bald darin. Gleich geht es los. Die Traummaschine läuft sich warm und strahlt ihre Wärme ab. Sie riecht gut. Wie neue Bücher, nur eben, dass es alte Filme sind, die sie an die Wand werfen wird. Unter dem Filmprojektor mein akustischer Projektor, über ihn läuft die Tonspur. Darüber tanzen im Lichtkegel Staubkörner, sie glitzern. Wie schön doch Dreck aussieht, wenn die Beleuchtung stimmt.

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Kategorien Portraits

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