Neue Stadtbücherei Augsburg

Eine Stadt gewinnt Lesefreude

AUGSBURG - Bereits einige Zeit vor Öffnung der Bücherei drängen sich einige Augsburger im und um den Windfang des Eingangs. Einige warten darauf, dass die gläserne Schiebetür geöffnet wird, andere nutzen die Zeit, um schon mal den Rückgabeautomaten mit ausgelesener Literatur zu füttern. Von ANDREAS ALT

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Wenn man später den großen Glasbau auf dem Ernst-Reuter-Platz betritt, sieht man Besucher auf allen Etagen: in der Zeitungsecke, zwischen den Bücherregalen, in den Sesseln der Leseinseln, an den Computerarbeitsplätzen, im Literaturcafé "tivoli". Die Bürger mögen und nutzen ihre Neue Stadtbücherei – sie haben ein solches Angebot schließlich lange vermisst. Unmittelbar nach ihrem Start sprang sie vom Tabellenende der Nutzungszahlen bayerischer Büchereien weit nach vorn.

Vor eineinhalb Jahren wurde die Stadtbücherei eröffnet. Die Vorgängereinrichtung in der Gutenbergstraße hatte wenig zum Besuch eingeladen. Rund 20 Jahre lang hatte daher ein Neubau auf der Agenda der wechselnden Stadtregierungen gestanden. Wegen notorisch knapper Finanzmittel wurde das Projekt jedoch immer wieder verschoben. Schließlich zwang ein  Bürgerentscheid die Stadt zum Handeln und zum Bau einer mit 5000 Quadratmetern fünf Mal so großen Bücherei.

Konzept, Architektur und Standort passen zusammen

Seit der Eröffnung kamen 600 000 Besucher, die aus dem Bestand von 145 000 Medien 1,4 Millionen Mal etwas ausliehen. Mehr als 16 000 Nutzer haben sich seit Juni 2009 neu angemeldet. „Eine Bücherei ist dann erfolgreich, wenn Konzept, Architektur und Standort zusammen passen“, sagt Büchereileiter Manfred Lutzenberger. Und das scheint hier gelungen zu sein. Die Neue Stadtbücherei ist mitten in der Innenstadt gelegen, auf einem dicht umbauten Platz zwischen Stadttheater und Fußgängerzone, der vorher nur als Parkplatz gedient hatte. Die Leitung denkt darüber nach, die Bücherei künftig zum Ziel von Stadtführungen zu machen, was problemlos möglich wäre.

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Die Bücherei verfolgt ein dezidiert offenes Nutzungskonzept, das auf der Zusammenarbeit mit vielen Partnern fußt. Ausgangspunkt dafür war gewesen, lesefaule (vor allem männliche) Jugendliche ins Haus zu holen, indem der Stadtjugendring dort ein zentrales Büro erhielt. Vorbild war die Dresdner Jugendbücherei „medien@age“. „Dann kam die Politik auf die Idee: Das kann mit anderen Bevölkerungsgruppen auch funktionieren“, sagt Lutzenberger. Daher sind jetzt auch das Büro des Bürgerschaftlichen Engagements, das Bündnis für Augsburg, das Kompetenzzentrum Familie oder die Schwerbehindertenvertretung mit jeweils eigenen Räumen und insgesamt rund 70 ehrenamtlichen Mitarbeitern im Haus.

Diese Konzeption geht über die einer herkömmlichen Bücherei hinaus. Gemeinsame Veranstaltungen, nicht nur Lesungen, sind erwünscht – stolz ist Büchereisprecherin Christiane Hempel zum Beispiel auf einen anstehenden Fachtag für Mehrsprachigkeit; Bibliotheksmitarbeiter sollen gemeinsam mit Wissenschaftlern und ehrenamtlich Engagierten darüber nachdenken, wie sprachliche Vielfalt in der Stadt bereichernd wirken kann.

Viele Besucher kommen nur wegen der Aufenthaltsqualität

So zieht die Bücherei neben literarisch Interessierten ganz unterschiedliche Gruppen an. Das offene Konzept spiegelt sich in der Architektur des Gebäudes wieder: Es dominieren große offene Glasfronten, die vielfältige Blicke ins Haus und nach außen erlauben und viel Licht hereinfallen lassen. Nach Beobachtung von Lutzenberger halten sich viele Besucher in der Bücherei auf, ohne Medien auszuleihen – nur wegen der Aufenthaltsqualität. Das Gebäude ist zudem ein Niedrigenergiehaus und hochgradig automatisiert. Der Lichteinfall etwa wird durch einen Gebäudeleitrechner reguliert. Bei der Immobilienmesse Expo Real in München erhielt die Bücherei kürzlich indirekt einen Anerkennungspreis zum European Prime Property Award; ausgezeichnet wurde das kluge Finanzierungskonzept der rund 15 Millionen Euro teuren Einrichtung: Gebaut hat sie die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft WBG und für 26 Jahre an die Kommune vermietet. Danach soll sie an die Stadt zurückfallen.

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Die Neue Stadtbücherei hat aber auch Negativschlagzeilen produziert. Die örtliche „Augsburger Allgemeine“ sprach vom „Fluch des Erfolges“. Schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass das Bibliothekspersonal für den Publikumsansturm nicht ausreichte. 32 Stellen gab es - inklusive dreier Zweigstellen und eines Bücherbusses. Die Überlastung der Mitarbeiter lag laut Lutzenberger teilweise an Anlaufschwierigkeiten wie ausgefallenen Rückgabeautomaten, Bauproblemen oder vermehrten Besucheranfragen an den Servicetheken, die in einem neuen Haus auftreten können. Er fügt jedoch hinzu, dass die Zahl der Mitarbeiter, vor allem des Fachpersonals, im Vergleich zu ähnlichen Büchereien in Freiburg, Gelsenkirchen oder Magdeburg „knapp bemessen“ sei. Als vonseiten der Stadt vorgeschlagen wurde, die Öffnungszeiten einzuschränken, gab es allerdings einen Aufschrei in der Bevölkerung. Die Neue Stadtbücherei erhält jetzt zumindest zwei zusätzliche Stellen aus der Personalreserve der Stadt.

Die Bibliothek sieht sich mit ihrem ungewöhnlichen Nutzungskonzept auf der Höhe der Zeit. Das Haus ist aber laut Lutzenberger so geplant, dass es bei Bedarf leicht umgebaut werden kann, denn „wir wissen nicht, wie eine Bücherei in zehn Jahren aussehen sollte.“

http://www.stadtbuecherei.augsburg.de/

http://www.neuestadtbuecherei.de/