Aktuell aus Coburg

Eine Farce namens Familie

COBURG - Eine kühle Tragödie mit groteskem Humor: „Die Probe“ bringt in der Coburger Reithalle Lebenslügen aus dem Lot. Von DIETER UNGELENK

probe

Schade um die schöne Lüge. Hat doch prima funktioniert: Peter und Agnes genossen ihr junges Elternglück, Opa Simon gefiel sich als selbstgerechter Altlinker und Oma Helle salbte ihre Seelenwunden im Ashram. So lebten sie wohl heute noch in friedlicher Koexistenz.

Doch dann kam Franzeck, der Neider, der Verlierer, der Parasit, angelockt und angewidert vom Erfolgsmodell Familie, und er säte den Zweifel. Jetzt erntet Peter die Wahrheit und kann sie nicht ertragen: Vaterschaftstest negativ, Agnes‘ Kind ist nicht sein Fleisch und Blut. Gerade hat er beide noch geliebt, nun hasst er die Hure und ihr Balg, „dieses Viech, diese Made“. Der Gehörnte schäumt und tobt und winselt, was seinem ehrgeizigen Vater Simon mitten im Wahlkampf ziemlich lästig ist. Fortan geht‘s rund im Hause Korack: Erst kollabiert das Neo-Spießerglück der Jungen, dann die liberale Fassade der Alten – und wir schauen zu, und nichts tut weh. Sie gehen uns nicht wirklich nahe, diese Koracks, aber sie lassen uns auch nicht kalt. Ihr Scheitern ist absehbar, und dennoch spannend. Teils irritiert, teils fasziniert verfolgen wir den Einsturz dieses labilen Konstrukts aus Egoismen und Lebenslügen – und haben zuweilen sogar ganz skrupellosen Spaß dabei, denn diese kühle Tragödie entbehrt nicht der grotesken Komik.

Grimmige Ironie schwingt mit in Lukas Bärfuss‘ ungnädiger Sozio-Studio „Die Probe“, mit der das Coburger Landestheater den roten Spielzeitfaden „Familie“ weiterspinnt. Susanne Lietzow hat das fünf Jahre junge sprachmächtige Stück des aufstrebenden Schweizer Dramatikers in der Reithalle mit sichtlicher Lust am stilistischen Crossover inszeniert. Sie kreuzt die Wucht der griechischen Tragödie mit dem Kitsch der Seifenoper und der Schärfe der Farce, sie lässt die Figuren ins Absurde driften, lautlos schreien, wie Aufziehpuppen kreiseln, sich in ihrer Theatralik selbst vorführen. Wenn Peter sich effektvoll übergibt, dann kotzt er sich eben nicht die Seele aus dem Leib. Sondern bloß trübe Brühe aus dem Kanister, den er gut sichtbar herumschleppt.

Es bleibt nichts verborgen in diesem Familienzwinger, aus dem es kein Entrinnen gibt – nur den Notausgang Richtung Tod. Ausstatterin Marie-Luise Lichtenthal bringt die Käfigsituation mit transparentenGazewänden auf die rückwärtig verzerrspiegelte Bühne. Die Akteure sind zur Rundum- Begutachtung freigegeben, selbst im Off bleiben sie sichtbar in ihrer schleierhaften Existenz. Hier sind sie ganz bei sich, Nägel kauend, Yoga übend, Buggy schaukelnd. Doch so richtig einsam wirken sie erst gemeinsam. Da tanzt jeder für sich zu „Besa me mucho“, und die Liebe bleibt eine Illusion.

Peter und Agnes haben ihr Leben darauf gebaut – als kuscheliges Gegenmodell zum toughen Beziehungsstil der Elterngeneration. Doch der Vaterschaftstest genügt, um ihr Idyll zu sprengen. Jäh mutiert Peter (Vivian Frey) vom liebenden Papa zum blindwütigen Alphamännchen, das sich in bizarre Gewaltphantasien und weinerliches Selbstmitleid steigert – und Agnes (Anna Staab) in die galoppierende Verzweiflung treibt.

Bei Simon ernten die beiden in ihrer Not nur Zynismus: Emotionalität ist nicht gerade seine Stärke, der Rückzug ins private Glück ihm tiefst suspekt. Thomas Straus zeigt Simonaußen smart und innen roh als begnadeten Egozentriker, der sich als Freigeist und kommunalpolitischer Robin Hood stilisiert und am Ende doch als stockkonservativer Patriarch entpuppt. Sein Fußbad-Tick, sein Mundgeruch, sein politischer Scheinheiligenschein, seine überhebliche Phrasenrhetorik: der ganze Kerl ist seiner Gattin Helle längst schon zuwider – daraus macht Kathrin Molsberger keinen Hehl. Knallhart gibt sie die Esoterik-Xanthippe, die sich wider den häuslichenWahnsinn durch Kalenderweisheiten und ausgedehnte Aufenthalte in indischen Meditationszentren wappnet.

Im Mittelpunkt freilich windet und krümmt sich Franzeck, der trockene Trinker, den Simon aufgelesen und zu seinem Wahlkampfmanager gekürt hat – der Mann fürs Grobe, der Ausputzer, ergeben und durchtrieben.

Sebastian Pass macht mehr aus ihm als eine traurige Witzfigur. Mit Feingefühl und funkelnder Charakterkomödiantik leuchtet er die Facetten dieses Intriganten aus, der wie ein Schoßhündchen um Zuneigung buhlt, der „traurig bis ins Zwerchfell“ sein Unglück zu Markte trägt, der larmoyant ist und aggressiv, unterwürfig und übergriffig.

Für ihn gab’s eine Extraportion Beifall vom kraftvoll applaudierenden Premierenpublikum.

Nächste Vorstellungen: 10., 13., 16. November, 4., 5. Dezember.

Aus: Neue Presse Coburg