Wettbewerbstext von Kathrin Nord

Georg Turkelbaum - von KATHRIN NORD

Auszüge aus einem Roman

Pssst! Wir wollen uns einen Film ansehen. Gleich geht es los. Ich muss nur noch die Filmrolle einlegen und die Wohnzimmerfenster abdunkeln, dann machen wir es uns gemütlich und schauen anderen Menschen beim Leben zu. Ich werde auch alle anderen Fenster schließen. Auf der Straße ist es so laut.

In der Mitte meines Zimmers, auf einem Stehpult, schnarrt ein Filmprojektor. Meine Traummaschine. Sie wirft ein weißes Licht an die leere weiße Wand. Der abgewetzte Samtsessel daneben und ich bald darin. Gleich geht es los. Die Traummaschine läuft sich warm und strahlt ihre Wärme ab. Sie riecht gut. Wie neue Bücher, nur eben, dass es alte Filme sind, die sie an die Wand werfen wird. Unter dem Filmprojektor mein akustischer Projektor, über ihn läuft die Tonspur. Darüber tanzen im Lichtkegel Staubkörner, sie glitzern. Wie schön doch Dreck aussieht, wenn die Beleuchtung stimmt.

Ich habe auf ebay ein Archiv alter Privatfilme ersteigert. Stellen Sie sich vor: Es gibt Menschen, in deren Leben passiert genauso wenig wie in meinem. Genau genommen das: Aufstehen, leben und arbeiten, trinken, einschlafen, drei- bis viermal im Jahr Familienfeste, ein Volksfest, eine Urlaubsreise, viel TV, ab und an Kino. Dann gibt es Menschen, die filmen so etwas. Und mich gibt es, und ich sehe mir diese Filme an. Seit Wochen. Dieselben alten Privataufnahmen. Schaue dabei zu, wie Nora zur Schule geht, sich verliebt und entliebt und so weiter, wie Georg zur Schule geht, Hausaufgaben macht, später studiert und für die Uni lernt, zwischendurch was isst und vor allem existiert. Manchmal, wenn es schon spät am Abend ist und die Müdigkeit meine Wahrnehmung trübt, kommt es mir so vor, als wären die Filme nicht mit einer Kamera aufgenommen worden, sondern als habe jemand Erinnerungen abgefilmt. Wie auch immer das funktioniert haben mag … Sie werden schon sehen, was ich meine.

Diese Figuren … ihr Leben… diese schwarz-weißen Alltagsbilder … sie lullen mich ein. Ein Filmkokon, in dem ich verharre. Für Sie könnte ich ein Stückchen zur Seite rutschen, ein kleines, damit Sie dazu kriechen und mitgucken können. Fremde alte Privatfilme gucken … ist jedenfalls interessanter, als das eigene langweilige Leben anzugucken – viel besser. Und Ihres kann in diesem Moment auch nicht besonders aufregend sein, sonst wäre es Ihnen dazwischen gekommen. Zwischen Sie und mich. Zwischen die Buchseiten. Und Sie sind doch in diesem Moment hier, hier bei mir.

Den Privatfilm-Figuren kam auch immer etwas dazwischen. Irgendwas oder irgendwer, das oder der sie vom Leben abhielt. Manchmal waren es die falschen Personen. Zackbum stehen sie in der Kulisse und halten das Leben unserer Freunde auf.

In den letzten Sekunden unseres Lebens blicken wir bekanntlich zurück: Ein schwarz-weiß Film – oder ist er bunt? – läuft vor unserem inneren Auge ab und zeigt Ausschnitte aus unserem Leben. Es wäre schön, wenn es ein Film ohne Überraschungen wäre. Ich will dann jedenfalls keinen Grund haben, die rechte Augenbraue heben zu müssen, weil plötzlich Zeitgenosse XY zu sehen ist. Derjenige, dessen Name mir entfallen ist, weil unsere Begegnung, so dachte ich bisher, kurz und unbedeutend gewesen war. Nun aber das: Er tritt mit schweren Stiefeln in mein Leben, genau genommen in meine Wohnung. Dreckige Profilabdrücke auf meinem Teppich, er nimmt meinen Raum und meine Lebenszeit ein … und …, dann läuft der Film langsamer ab. Ich in Zeitlupe, während das Drumherum genauso schnell weiterlebt wie zuvor. Eine alte Videotechnik (siehe Radioheads „Street Spirit“) in meinem Todesfilm, das entertaint, das ist cool anzusehen. Schnitt: Es sind Jahre vergangen und jetzt verlässt XY die Szene. Kaum ist er zur Tür raus, dreht sich mein Leben wieder in einem zur Umgebung angemessenen Tempo. Dann Stirnrunzeln und ärgern – in den letzten Sekunden des Lebens. Zurückgeblickt und festgestellt, eine lange Zeit mit der falschen Person und falschen Dingen totgeschlagen zu haben. „Das hätte wirklich nicht sein müssen“, könnte dann mein letzter Gedanke lauten – und das muss nun wirklich nicht sein.

Aber wir erdulden das Falsche lange, bevor wir uns davon verabschieden. Weil wir Zeit haben.

Wir haben so viel Zeit. Hinter uns liegt sie, hier ist sie und da vorne liegt sie auch. Ist sie uns mal zu präsent, na, dann schlagen wir sie halt tot. Erst versuchen wir es mit leichten Klapsen und wenn das nicht hilft, dann verdreschen, und bringt auch das nichts, dann holt man seine Freunde dazu und wendet so richtig Gewalt an, zu zweit oder mit mehreren, auf jeden Fall gemeinsam. Hat man keine, ersäuft man die Zeit, das geht recht gut alleine.

Seit ich die alten Privatfilme sehe, wünsche ich mir, dass meine letzte eigene Filmvorführung ohne Überraschungen ablaufen soll. Jede Figur, die ich sehe, möchte ich mit Namen erinnern. Ich möchte sie gerne sehen und wissen, warum sie eine Rolle in meinem Film bekommen hat. Von jeder Szene möchte ich wissen, weshalb sie den kritischen Blicken des Regisseurs und Cutters standgehalten hat. Verstehen Sie: Ich bin gerne bereit, die Zeit totzuschlagen. Aber nicht mit irgendjemanden. Es sollte schon ein Komplize sein, der an meiner Seite steht. Einer, dem ich vertrauen kann.

Jemand wie A. zum Beispiel. A. und ich, wir waren die Hauptpersonen einer Liebesgeschichte. Einer echten, wirklichen, richtigen, einer Reality-Liebesgeschichte. Dann zog A. weg und um die Welt und ich in eine andere Stadt, wir mailten und skypten und twitterten und facebookten – statt Gespräche Mails, statt Liebeslieder Tastaturgeklapper. Ab und an schickte ich ihr zweiminütige Kurzfilme, und sie mailte Fotos von mir fremden Orten.

Sie dort, ich hier, von mir zu ihr und von ihr zu mir flogen Buchstaben. Klappklappklappklapp ging das. Stundenlang. Klappklappklapp machte ich, und in meine Pausen klapperte sie, für mich stumm, ihre Buchstaben hinein. An unserem schönsten gemeinsamen Abend schrieb sie, morgen sei sie wieder in der richtigen Zivilisation und ihre Freundin, bei der sie ein paar Tage bliebe, habe einen MAC mit integrierter Kamera. „Dann können wir uns in Echtzeit sehen“, schrieb sie, „endlich.“ So klapperten wir in Vorfreude durch die Nacht.

Am nächsten Abend sah ich sie und sie sah mich – und wir hatten uns nichts zu sagen, außer „Nun ja“ und „Und dir geht es wirklich gut?“, „Ja, bin nur ein bisschen müde“ – das sagten wir dafür etliche Male. Am Ende des Gesprächs versicherten wir uns gegenseitig, wie schön es sei, einander endlich wiederzusehen, das öfter, als es zum Verständnis notwendig gewesen wäre. Sie sagte, sie käme in zwei Wochen zurück nach Deutschland. Das hat sie dann auch getan und wir haben uns seitdem nicht mehr gehört, gesehen oder gelesen.

In den vergangenen Monaten hatten wir die Ferne mit Texten überbrückt. Typographie statt Physiognomie, was auch immer, so bedeutungslos, ein Fremdwort mit -ie am Ende eben. Unsere Liebesgeschichte verkam zu Mails und Statusmeldungen und Posts und Kommentaren und Internetgezwitscher. Eigentlich war sie wunderschön. Ich habe einen Reisekoffer voller Dokumente, die unsere Liebe beweisen. Dokumente, das klingt doch besser als Ausdrucke, finde ich. Ausdrucke ihrer Ausdrücke und sie hatte Tausende, die zu mir und zu ihr und zu unserer Liebe passten. Ich habe mehr Erinnerungen in diesem Koffer als Erinnerungsbilder im Kopf.

A. war Text und 2-D-Bild. Wollte ich ihre Liebe spüren, klappte ich meinen Laptop auf. Ich entschied wann und wo. In der Zeit dazwischen lagen Tagträume. Keine Interaktion in Echtzeit, keine synchron laufende Bild- und Tonspur. Jaja.

Zwischen uns liegt jetzt eine Menge Deutschland. Glasfaserkabel auch. Tief verbuddelt, so tief wie wir unsere Wörter verbuddelt haben. Zwischen uns liegt eine Menge Schweigen.

Ich lausche dem Summen der Traummaschine. Es ist so ein beruhigendes Summen … wollen Sie’s hören? Es hört sich so an: rrrrrrrrrrrrrr, rrrrrrrrrrrrrr.

Was meinen Sie? Sie und ich, einige Stündchen gemeinsam, Popcorn essen, Film schauen, später ein Eis und zwischendurch aufs Klo. Der eine sagt beim Aufstehen: „Du kannst den Film ruhig laufen lassen“, der andere: „Nee, nee, ich halt schon an.“ Das wäre doch was, was Vertrautes mit einem Fremden. Das ginge doch.

Wir sollten uns entscheiden, ob wir dieser Begegnung eine Chance geben …

… lassen Sie uns aber nichts überstürzen … Fangen wir es doch so an: Mein Name ist H.H. Ich bin Regisseur für Film und Fernsehen, leidenschaftlicher Puzzlespieler und zurzeit arbeitslos. Ich habe genügend Zeit, um sie totzuschlagen. Vielleicht gemeinsam mit Ihnen, vielleicht könnten Sie mein Komplize sein. Gemeinsam würden wir die Tat so begehen: Ich werde die ersteigerten Filme so zusammenschneiden, dass sie eine stimmige Geschichte ergeben. Ich werde Ihnen erzählen, was auf der Leinwand zu sehen ist, hier in diesem Buch. Und Sie schalten Ihr Kopfkino ein – dann ist es so, als würden wir beieinander sitzen und gemeinsam den Film gucken.

Machen wir doch eine kleine Testvorführung: Gehen wir ein paar Schritte gemeinsam – bis zu meinem Sofa. Ich nehme auf dem Sessel Platz, von hier aus kann ich gut die Filmrollen einlegen. Sie lassen sich dort auf dem Sofa nieder, das ist ein wenig bequemer. Erst mal noch Abstand und viel Schweigen und an die Gegenwart des anderen gewöhnen. Ich will auch gleich still sein. Die Fernbedienung behalte ich erst mal. Das Handy dürfen Sie anlassen, ich bin da nicht so. Das Popcorn ist für uns beide da – einmal gesüßt, einmal gesalzen, fast wie im richtigen Kino. In der Küche habe ich noch mehr. Der Film ist schlechter als im Kino, also von der Qualität her schlechter. Und ich muss auch die Filmrollen öfter einmal wechseln. Es ist ein wenig wie youtube, nur, dass es eine alte Technik ist, mit der der Film aufgenommen wurde und projiziert wird.

Die Person, die die Schwarz-weiß-Filme gedreht hat … ich weiß nichts über sie. Ich vergesse sie, sobald ich die Figuren auf der Leinwand sehe. Jeder Film ist mit einem anderen Vor- und Zunamen betitelt und folgt dem Erzählstil der subjektiven Narration. Jeder Film ist aus Sicht einer anderen Person erzählt. Wir haben rund 100 Figuren, 100 Perspektiven, 100 Erzählstimmen und Innenleben. 100 Mal zwei Minuten, 100 Mal subjektive Perspektive, Kopfkino und Gedanken. Manchmal meine ich, der Regisseur habe Erinnerungen abgefilmt.

Seit ich das Paket geöffnet habe, flimmern Nacht für Nacht die Filme über meine Wohnzimmerwand. Nacht für Nacht dringen die Stimmen und Hintergrundgeräusche aus meinen Lautsprechern. Nacht für Nacht frage ich mich, wer sie gedreht haben mag und weshalb. Es gibt keinen Plot, keinen roten Faden. Die Filme sind banal, real – was auch immer, so bedeutungslos, ein Wort mit -al am Ende eben. 100 Mal den Blick im Leben eines anderen Menschen verlieren und sich selbst vergessen.

Noch mal wohin vorher? Gleich rechts neben dem Badezimmer.

 

Kategorien Portraits

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