Wettbewerbstext von Tobias Jennewein

Resurrection - Von TOBIAS JENNEWEIN

Aus dem 3. Kapitel der Erzählung

Nun verlässt der Präsident die Rednertribüne gefolgt von seinen Sicherheitsleuten. Er schlackst über den Rasen hin. Umweht von einem metallisch schneidenden Sommersturm mit himmelweit ausgebreiteten Armen, will sagen in Salvatorpose, tritt der Präsident nun langsam und wohlgesetzten Schrittes, mit rhythmisch-federnden Sportlerbeinen, ein wenig so, als bereite er, der einst vorzügliche High-School-Basketballspieler, gerade einen Angriff auf die gegnerische Mannschaft vor, auf das chorisch „Go! Mr. President, go!“ intonierende Fanpublikum mit seinen zahllosen, von der Ferne her betrachtet impressionistisch anmutenden Farbtupfer- und Klecksgesichtern zu ...

... ja, er gleitet ihm auf einer lammschwanzplüschigen, auf einer milchschaumfarbenen Wolke aus heißer rhetorischer Luft regelrecht entgegen, auf einem Dunstkissen aus Amtscharisma und lässt dabei vom Wind seinen Designeranzug ballonartig aufblähen, in den übrigens, was noch niemand bemerkt zu haben scheint, magisch-illusorisch, nein mehr noch, phantasmagorisch, wie Märchenschätze blinkende und blitzende Plattgoldsträhnen eingenäht ,sind, aufgeladen mit ungeheurer Suggestionskraft, und je näher er ihnen den Tausendschaften von Menschen vor seinen Augen kommt, je deutlicher ihm auch ihre von stumpfsinniger Euphorie durchglühten Gesichter ins Bewusstsein dringen, desto dichter und undurchlässiger wird auch die Selbstschutzblase aus sublimer, stets mit einem Lächeln überspielter Distanz und Menschenverachtung, die den Präsidenten, dieses scheue Insekt von einem Präsidenten, mit seinem breiweichen, womöglich leicht verletzbaren Innenleben wie einen Chitin-Panzer umstülpt, und so wie er der aufgeheizten, in der Sommerhitze schrecklich transpirierenden, hirnwasserschwitzenden Fan-Masse zum Greifen, zum Liebkosen und herzensinnigen Umhalsen nahe kommt, beugt sich auch schon ein einigermaßen hübsches Ding, eine junge Frau mit ekstatisch-kugelblitzenden, ganze Glühwürmchen-Schwärme der Begeisterung ausstrahlenden Augen und einem mittig, etwa auf der Höhe des zweiten Nackenwirbels kurvenförmig eingebeulten Nofretete- bzw. Giraffenhals von auffälliger Überlänge über die Köpfe der handybewehrten Sicherheitsleute des Präsidenten und anderer zuchtbulliger Leibwächter hinweg zu seinem Gesichte hin, beinahe so, als könne sie ihre Körper- bzw. Halseslänge auf fast surreal zu nennende Weise mit Hilfe eines der Wissenschaft bisher unbekannten anthropotechnischen Regulatives beliebig variieren, und drückt ihm, dem von alledem zuerst sichtlich enervierten, dann schon schauspielerhaft-freundlich Überraschten und zu guter Letzt, nach einer atemberaubenden Metamorphose des Gesichtsausdrucks, plötzlich zuhöchst amüsierten Präsidenten, sich dabei an einem Absperrgeländer festklammernd, einen feuchten, schmierig-lippenstiftdurchflammten Kuss auf seinen trotz maskenhaftem Dauergrinsen mit einem Male ganz bügelfaltigen, knittrigen und unter der Hautoberfläche von Ekel durchströmten, auf den durch Erschöpfung und Überarbeitung zu einem blassblauen, anämischen Strich ausgedünnten Mund des Präsidenten, wobei ihr leichtes Sommerkleidchen aus grellrotem, schwach irisierenden und mit Kitschblumen bedrucktem Stoff, der parfumgetränkt das scheußliche Ozon unreflektierter, süßlicher und krankhaft übersteigerter Glückseligkeit in die vor Hitze flirrende Sommerluft ausstößt, unversehens zu flattern beginnt, dann von einem Luftzug in die Höhe geblasen wird, dann auf die Schenkel zurückklatscht und auf einmal hinter ihrem Rücken Schreie des Entsetzens und der Empörung ertönen, und einen Augenblick lang scheint sie sozusagen im Leeren, im Vagen zu hängen, nur wie durch einen Saugnapf an der Stelle, an welcher sich die beiden Münder treffen, mit dem völlig erstarrten Präsidenten verbunden, gleich jenen Vögeln, die imstande sind, mitten im Fluge zu kopulieren, einzig durch ihre Geschlechtsteile einander berührend, und wie abgefeuerte Mörsergranaten durch die Luft fetzend, während nun urplötzlich ein bunter Strauß von Fanhänden sich von hinten ihren schmalen Schulmädchenschultern entgegenstreckt und sie unter schrillen, verächtlichen Pfiffen zu sich herabzieht, noch ehe die Sicherheitsleute des amerikanischen Präsidenten einzugreifen vermögen, um dann sogleich selbst mit sich sanft und sachte wiegenden Doldenfingern an seinem Gesicht entlang streicheln zu wollen, was ihnen allerdings misslingt, und sowie die junge Frau nun, weniger wie ein nasser Sandsack als vielmehr wie ein Hüpfbällchen aus Hartgummi, nach oben hin kräftig zurückfedernd, ärschlings in den staubigen Boden des Festivalgeländes plumpst, realisiert sie auch schon, mit ungeheurer Schnelligkeit, etwas altbackenem, angestaubtem Pathos und grenzenloser Melancholie, dass sie in dem Augenblick, als ihre Lippen diejenigen des Präsidenten berührten, dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen für kurze Zeit tatsächlich entronnen war, dass sie sich sozusagen in einer gegen jede Form von Vergänglichkeit und Mortalität vollkommen abgedichteten Ewigkeitskapsel - metaphysische Zeit versus ontologische Zeit - befunden haben musste, dass sie kurzweilig von einer Art Unsterblichkeit umflossen war, von der ihr nun zumindest ein süßer Nachgeschmack, nämlich das synthetische Pfirsicharoma vom Mundwasser des Präsidenten als sinnliche, als angenehm triebbehagliche Geschmacksspur auf der Zungenspitze zurückbleibt, allerdings nur solange, bis diese von dem Glas zweitklassigen Portweins zum Abendessen, ihren billigen Menthol-Zigaretten und den rauchigen und bartpelzigen Küssen ihres sogenannten Liebhabers vollständig hinweggetilgt sein wird und also unerträgliche Alltagsfadheit wieder in ihrer Mundhöhle Einzug hält.

Also, das Ganze noch einmal kurz zusammengefasst: Präsident kommt. Fremde junge Frau küsst ihn. Präsident is not very amused. Der jungen Frau ist´s kurzweilig sehr orgastisch zumute. Dann reißt man sie weg. Sie geht zu Boden und da liegt sie nun wie so eine weggeworfene Müllkonserve. Das ist alles.

(...)

 

Kategorien Portraits

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