Aktuell aus Traunstein

"Gewaltig junge" Literatur im Chiemgau

Das P-Seminar des Chiemgau Gymnasiums in Traunstein hatte im Rahmen ihres Schulprojekts zu einer Ausstellung mit dem Titel Twitteratur eingeladen. Gleichzeitig sollten sich zwei junge Autoren, Schüler desselben Gymnasiums, mit Ihren jeweils ersten Romanen vorstellen. Das interessierte mich, da es doch immer heißt, die Jugendlichen könnten mit Literatur nichts mehr anfangen ... Von CHRISTA SCMIDT-SANETRA

123_bild01

Als ich die Treppe zur Stadtbibliothek hinaufging wusste ich sofort: Heute ist alles etwas anders. Rockige Klänge hallten durch die sonst eher verschlafen wirkenden Räume. Schon oft hatte ich hier Veranstaltungen im Zeichen der Literatur besucht. Lesungen, Buchvorstellungen und englische Abende. Das Publikum immer mittleren bis gehobenen Alters.

Nicht so heute: Die meisten der Anwesenden waren nicht älter als 18 Jahre. Die Band mit dem verwirrenden Namen Joe Pretty Musical Enframing Clubband bestehend aus Fizzy, Dizzy und Groovy, was, wie sie mir versicherten, ihre Künstlernamen sind, hatte sich eigens für dieses Schulprojekt gegründet und stellte mit dem rockigen Blues, den sie spielte, eine wunderbare Einstimmung dar auf das, was alle Anwesenden erwartete.

Gewaltig_jung_4

Ich war etwas zu früh gekommen und hatte somit Gelegenheit, in Ruhe die Plakat zum Thema Twitteratur durchzulesen: Den jungen Leuten war im Rahmen ihres Projekts die Aufgabe gestellt worden, ihre Schullektüre kreativ zu bearbeiten, sie sozusagen in eigene Sprache zu übersetzen. Das ist teilweise so gut gelungen, dass ich manchmal eine Rückübersetzung gebraucht hätte.

"Bin echt fertig … Crampas ist tot! Wünschte es wäre Geert *schäm* Was wird jetzt nur aus mir?

Mein Dad wirft mich hundert pro raus" (An dieser Stelle steht der traurige Smiley)

Auch in ihrer äußeren Form glichen die Texte e-mails oder Handy-Displays. Es ist wirklich überraschend, dass all die alten Texte wie Faust, Woyzeck, Andorra und sogar Heidi ( ‚Das Leben in der Stadt ist unerträglich für mich. Mit meiner Freundin kann ich auch nicht viel unternehmen, aufgrund ihrer Behinderung …) nichts, aber auch gar nichts an Aktualität verloren haben und die Jugendlichen ihre eigenen Gefühle wiederfanden, auch wenn ihre Sprache eine völlig andere ist.

Die Leiterin des Projekts "Literatur lebt", Frau  Häusler, Lehrerin für Sozialkunde und Geschichte am Chiemgau Gymnasium ist es hervorragend gelungen, ihre Schüler wegzuholen von all den anderen Medien, meist elektronischer Art und hinzuführen zur klassischen Literatur.

Die Schüler haben nicht nur die Texte verfasst, sondern haben auch alle Events, die mit ihrem Projekt in Zusammenhang standen, selbst organisiert. Und angefangen mit der Entwicklung eines Logos bis zur Bestuhlung der Stadtbibliothek lag alles in ihren Händen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Projekt einige Anstöße gegeben hat.

Zu lesen gab es auch einige Gedichte, die während des Projekts "Literatur lebt" für einen Poetry Slam entstanden waren.  Etwa Sylvia Kösterkes Anleitung für einen Sommertag in dem es heißt: "… lass´ dich vom Moment verführen und zu neuen Dingen inspirieren …" Oder Aussteiger mit Fernweh, Lyrik von Michael Kunze und Monika Parzinger.

Gewaltig_jung_1

Danach las die 17 jährige Lisa Mätze aus ihrem Roman Phönix: Schatten der Finsternis, den sie bereits mit 13 Jahren geschrieben hatte. Dieser Fantasyroman beinhaltet zwar all die bekannten Bilder und Gestalten der Fantasy-Welt, bedient sich jedoch einer Sprache, die weit über die hinausgeht, deren sich Jugendliche diesen Alters normalerweise bedienen.

Manuel Mühlberger, ebenfalls 17 Jahre alt,  las dann aus seinem SF-Roman Haneck: Wächter des Diamanten, der aus einer Kurzgeschichte entstanden ist und die dieser ebenfalls 13-jährig geschrieben hatte. Auch seine Sprache hat mich beeindruckt. Sein Vortrag war sehr lebhaft und spannend. Die Verbindung Waisenhaus mit sadistischem Erzieher und Planetenwelten im interstellaren Krieg rief in mir sofort die Assoziation "Dickens meets Dick" hervor.

Beide Erstlingsromane zeigen aber eindeutig die Züge ganz moderner junger Menschen der Jetztzeit und machen neugierig auf weitere Werke, an welchen beide bereits arbeiten, wie sie mir sagten. Auf die Frage, was sie denn von der "Arbeit" des Schreibens hielten, meinten beide, sie hätten nur aus Spaß geschrieben, die Ideen kämen einfach so, die Worte auch. Einzig die Überarbeitung wäre etwas mühevoll gewesen. Den Beruf des Schriftstellers würden beide nicht ergreifen wollen, da "schreiben müssen" für beide unvorstellbar ist.

Das Gespräch mit den beiden war überaus erfrischend, und es hat Spaß gemacht, mit jemandem zu reden, für den das Schreiben eine derart unkomplizierte, rundum positiv belegte Sache ist.

Zum Abschluss des Abends bedankten sich die Schüler bei Frau Häusler für die Motivationen, die sie ihnen immer wieder gab. Sie bedankten sich bei der Stadtbibliothek für die gute Zusammenarbeit und erklärten, viel neues erfahren zu haben über sich selbst und die Literatur vergangener Jahre.

Auch Oberbürgermeister Kösterke erschien dann noch, um die jungen Leute zu ihrem Projekt zu beglückwünschen und zu betonen, allen anderen Medien zum Trotz habe das Buch doch seine ganz eigene Qualität und stelle damit eine besondere Erfahrung dar.