Gewinnertext von Carolin Hensler und Rebekka Knoll

Puss Cake Boogie

Maria

Maria sitzt mal wieder auf einer Treppe. Nicht zum Rauchen oder Warten, Maria sitzt einfach gern auf Treppen, die Füße zwei Stufen tiefer als die Hände. Und wenn sie den Rest der Treppe hinaufsteigen würde, stünde sie schon oben, vor der Haustür, könnte klingeln und in die fremde Wohnung eintreten. Doch noch hat sie die Füße näher an ihrem Auto, am Weg, an zu Hause als am Ziel, denkt sie. Und bleibt sitzen.

Viel später hört sie hinter sich die Tür aufgehen. Maria dreht sich nicht um: Sandra weiß Bescheid über Marias Treppen, gleich wird sie einen Witz darüber machen. Über Marias ständige Versuche, im Dazwischen kurz mal anzuhalten. Sandra setzt sich hinter sie, singt: „I'm not a girl, not yet a woman“ und lacht. Maria dreht sich um, verdreht die Augen. Jetzt steht sie aber doch auf, um hinter Sandra die Treppe hinaufzusteigen und einzutreten.

Es riecht immer noch nach Steinstufen, nach mehr Treppen, denkt Maria und freut sich.

„Wärmer hier drin, oder?“, fragt Sandra und nimmt Maria die Tasche und die Jacke ab. Sie schiebt ihr einen Stuhl zu, und Maria muss nicht antworten.

„Erzähl“, sagt Sandra. Maria hat schon die Beine übereinandergeschlagen und einen Kaffee in der Hand.

„Es ist gar nichts passiert“, sagt sie, „wir haben uns nicht mal gestritten.“

Sie nimmt einen Schluck, Sandra wartet. „Ich hab aufgeräumt und meine alten Tanzschuhe gefunden. Die kennst du noch, das waren meine ersten. Die ganz billigen, schwarzen. Der Lack war schon abgeblättert bei unserem ersten Turnier.“

„Du hast es ihm nicht mal erzählt?“

„Was soll ich denn sagen?“, fragt Maria und Sandra nickt. Natürlich kann sie ihm nicht erzählen, dass hier nicht nur der Lack langsam abblättert.

Die Küchentür geht auf.

„Das ist Tessa“, sagt Sandra und Maria dreht sich um. In der Tür steht eine junge Frau mit dunklem, unordentlich gebundenem Zopf und einem festen Lächeln.

„Das ist Maria. Sie sitzt gern auf Treppen“, grinst Sandra und Maria reicht Tessa die Hand.

 

Tessa

Eine Tänzerin also. Das ist unschwer zu erkennen.

Marias Beine verkreuzen sich lang und schlank unter dem Tisch, das Haar hat sie in einem gewissenhaften Dutt hochgesteckt, und unter ihrem Pullover zeichnet sich eine kaum vorhandene Brust ab. Ihren Zügen nach tanzt sie Ballett. Oder Jazz.

„Setz dich zu uns, Tessa“, sagt Sandra und klopft auf den Stuhl neben sich. „Maria ist gerade aus München angekommen, sie muss sich ein bisschen erholen. Vielleicht kannst du mir helfen, sie aufzuheitern?“

„Aufheitern?“

Sie zieht den Stuhl vom Tisch zurück.

„Ist das denn nötig?“

Maria lächelt, ohne zu lächeln. Ihre Finger klammern sich an die Kaffeetasse.

„Hallo Tessa. Entschuldige, dass ich euch so überfalle. Hierher zu kommen, war eine sehr spontane Entscheidung …“

„Mach dir keine Sorgen, wir haben genügend Platz.“

„Ich wusste nicht, wo ich hinsoll. Es tut mir leid. Aber Danke, vielen Dank, ich bin so erleichtert, dass ich hier sein kann, es ist so viel passiert …“

Sie beißt sich auf die Lippen und starrt in ihren Kaffee. Eine Strähne hat sich aus dem Zopf gelöst und fällt in ihr Tänzerinnengesicht, verfängt sich in zuckenden Mundwinkeln. Sie hat zu viel gesagt.

Tessa betrachtet sie. Es gefällt ihr, Maria anzusehen, sie mit Blicken zu erkunden, die Frau mit dem schlechten Gewissen unter dem Wollpullover und dem viel zu weiten khakifarbenen Rock.

Tessa fängt Sandras Blick auf. Er ist mahnend. Sie lächelt und erwidert die Zurechtweisung mit einem Schulterzucken. Sie muss Maria ansehen, es geht nicht anders. Sie formt die Lippen zu einem falschen Schmollmund und zwinkert Sandra zu. Unter ihrer Hand spürt sie die kalte Tischplatte, das klebrige Plastiktischtuch und schließlich Haut. Und Wärme. Ein Zucken - und dann Maria: Zarte Finger bewegen sich unter ihr, unsicher, wie sie reagieren sollen.

Tessa hört Sandra unterdrückt stöhnen.

Sie nimmt sich Zeit, Maria zu beobachten, und legt schließlich den Kopf schief.

„Ich glaube, du passt zu uns.“

„Tessa!“, zischt Sandra.

„Du kannst in meinem Zimmer schlafen, Sandra hat nicht genug Platz. Es wird dir bei mir gefallen. Es gibt Fenster nach Süden und nach Osten, du kannst wahlweise nach Rom oder Mekka beten …“

Sandra prustet los.

Tessa bedeutet ihr mit einem Wink und dem so oft erprobten gekünstelten Despotenlächeln zu schweigen.

„Wir frühstücken hier alle gemeinsam, und meistens wird abends was Gutes gekocht. Bleib ein paar Tage bei uns, es wird dir gefallen, du wirst sehen.“

Maria späht unter langen Wimpern zwischen ihr und Sandra hin und her. Ihr Hals verschwindet zwischen angezogenen Schultern.

„Oh, vielen Dank.“

„Denk dir nichts, Maria“, sagt Sandra.

„Nein, nein, Ich denke mir nichts, keine Sorge …“

Tessa kann nicht widerstehen. Sie lehnt sich zurück und schnalzt mit der Zunge.

„Nicht, Maria?“

Im Stillen fügt sie hinzu: Schade, ich kann mir so einiges denken …

 

Maria

Hinter Tessa steigt Maria eine Treppe hinauf. Am liebsten würde sie kurz stehen bleiben, sich hinsetzen, nur ganz kurz. Aber Tessa hält nicht an.

Sie zeigt ihr das Zimmer, es ist wirklich genug Platz. Maria stellt ihre Tasche in eine Ecke.

„Ich würd´ gern duschen gehen“, sagt sie und sucht sich ihre Sachen aus der Tasche.

„Kein Problem. Die erste Tür rechts.“

Maria steht vor dem Spiegel, zieht sich aus. Und je mehr Kleidungstücke sie ablegt, umso größer werden die Pixel im Spiegelbild.

Maria betrachtet sich. Brüste und Schambereich sind schon lang verschwommen, das ist nichts Neues mehr. Doch seit gestern kann sie auch ihren Bauchnabel nicht mehr erkennen. Sogar ihr Schlüsselbein ist verpixelt, und ihr Hals wird erst kurz unterm Kinn wieder klar.

Als sie gestern bemerkte, wie die Zensur ihr langsam den Hals heraufklettert, hat sie ihre Tasche gepackt. Es ist immer noch die alte, die, in der sie früher ihre Turnierkleidung transportierte. Heute trägt sie darin Rollkragenpullis zu ihrer Theologenfreundin. Als könnte Maria hier ihre Ehe festigen.

Stattdessen steht sie jetzt nackt, aber verpixelt in einem fremden Bad. Und nebenan das feste Lächeln von Tessa.

Maria weiß nicht, warum sie es noch so genau vor Augen hat. Und warum sie versucht, den Daumen unter ihren Ehering zu schieben, während sie in die Dusche steigt.

Sie dreht das Wasser an. Und wie immer verschwimmt es an vielen Stellen, wie ihre Finger, wenn sie über zensierte Haut fahren.

Wie oft hatte sie versucht, die verschwommenen Stellen wegzuschwemmen, ihre Zensur auszuwaschen, rückgängig zu machen. An manchen Tagen duschte sie vier, wenn Henry nicht da war auch fünf oder sechs Mal. Es wurden trotzdem immer mehr Pixel. Und bald würde es auch anderen Menschen auffallen.

Oder gerade nicht auffallen. Vielleicht wird sie zu einer Stelle im Text, die einfach nicht mitgesungen wird. Zu der Pause, die der Sänger nur einhält, damit der Rhythmus noch stimmt. Oder sie wird ausgetauscht. Flying statt fucking. Henry fliegt längst schon statt mit Maria zu schlafen, denkt sie und dreht das Wasser wieder ab.

„Hast du Lust auf Kino?“, fragt Tessa. „Sandra und ich wollen gerade los.“

Maria kämmt sich die nassen Haare und versucht gleichzeitig zu nicken. Sie zieht sich noch den Kragen ihres Pullis unters Kinn und folgt Tessa.

 

Tessa

Maria geht, als hinterließe sie keine Spuren. Eigentlich geht sie nicht einmal. Tessa kann schwer sagen, was Maria da macht. Aber Sandras Freundin ist definitiv nicht da, sie tut nur so. Und auf ihrem Gesicht steht ein Ausdruck, der an Trance erinnert. Oder noch schlimmer: Lethargie. Der Schamanen-Yogamann im Hochschulsport schaut so, wenn er von Asanas und Sonnengruß redet und an ihrem Knöchel zerrt, um ihr die Kontrolle, die Macht, abspenstig zu machen.

„Überlasse die Kontrolle mir!“ ... „Nennst du das, was du da machst, Abgabe von Kontrolle?“

Sie lächelt in Erinnerung an ihre Reaktion: Sie hatte gemurmelt, er sei ein böser nackter Mann und dass sie nicht verstünde, was er überhaupt von ihr wolle. Dass es ihr ein Rätsel sei, was Männer grundsätzlich wollten und dass sie das Handtuch wegen dieser verruchten Machtbestrebungen, die ans völlig Lächerliche grenzten, nicht geschmissen, sondern gar nicht erst angenommen hatte.

Sie nicht.

Sandra auch nicht.

Aber Maria. Maria, die sich auflöst. Die in ausgelatschten Schuhen vor ihr neben Sandra herläuft und Schritt für Schritt in ihrem Wollpullover verschwindet.

Tessa holt auf und drängt sich zwischen sie. Sie fischt nach Marias Hand und hält sie fest, als Maria zusammenzuckt und sie anstarrt.

„Gran Torino wird dir gefallen“, sagt Tessa. „Clint Eastwood ist ein geiler Schauspieler, er flucht anständig und verhöhnt die katholische Kirche. Was will man mehr?“

Sandra lächelt ins Blaue hoch oben. Sie sagt nichts, nickt nur als stimme sie schweigend zu und drückt Tessas Hand.

„Aber ich dachte, du studierst Theologie“, sagt Maria zögerlich.

„Tu ich auch. Wieso?“

„Naja, hört sich nicht so an, als stehst du so besonders hinter der Kirche.“

„Evangelische Theologie“, sagt Tessa und streicht mit dem Daumen über Marias Handrücken.

„Wir studieren alle evangelische Theologie in unserer WG. Du weißt schon, wegen der Männer …“

Maria starrt sie an. Tessa erwidert ihren Blick nicht, aber sie sieht aus den Augenwinkeln die steile Falte zwischen Marias Brauen. Sie überlässt Maria ihrer Verwirrung, während sie der Fußgängerzone über das Kopfsteinpflaster folgen und schließlich das Kino erreichen.

Auf Marias Wangen spiegeln sich die Filmsequenzen. Clint Eastwood huscht über ihre Nase, flucht in ihren Augen und mit jedem Fluch bewegen sich ihre Lippen, formt Maria die Worte nach.

Piss off, zip-headed Puss cake!

Tessa lächelt. Maria ist schön im Fluchlichtgewitter, das Erstaunen steht ihr gut, es macht sie so jung wie sie eigentlich ist. Vielleicht kann Maria Henry verlieren und ein bisschen Clint Eastwood sein, ein bisschen Sandra und … ein bisschen Tessa. Vielleicht auch mehr als ein bisschen Tessa, vielleicht sogar viel Tessa. Tessa auf ihren Wangen, Tessa in ihren Augen, Tessa in ihrem Mund. Liebend gern in ihrem Mund.

„Maria“, flüstert sie.

Maria reißt sich von der Leinwand los und schaut sie fragend an.

Tessa schüttelt den Kopf. Ihr Kopf ist leer und voll und verwirrt und sie möchte lachen und fluchen und Maria packen, ja packen! Und Henry aus ihr rausschütteln. Die röhrende Stimme des Schamanen-Yogamannes dröhnt in ihrem Kopf, sagt etwas von Kontrolle und Verlust und von Freiheit und dem Gefühl, über alle Dinge erhaben zu sein.

„Nichts“, sagt sie. „Ich freu´ mich nur, dass du mit ins Kino gekommen bist. Das ist alles.“

Get off my lawn, puss cake!, sagt Clint Eastwood, während Tessa an Henry denkt.

 

Maria

„Ich hab´ überhaupt nichts dabei, um feiern zu gehen“, widerspricht Maria und kramt weiter in ihrer Tasche. Wirklich nur Rollkragenpullis. Mit denen kann sie doch nicht tanzen!

Eigentlich will sie auch gar nicht tanzen. Maria hat so lange schon nicht mehr getanzt. Mindestens fünf Jahre. Was passiert, wenn sie wieder auf einer Tanzfläche steht? Vielleicht hat sie es verlernt. Vielleicht wäre es nicht mehr das für sie, was es gewesen ist. Vielleicht würde sie merken, dass sie Henry und seinem Knie, Henry und seinem Humpeln zu Unrecht die Schuld an allem gegeben hatte.

Maria wollte lieber in ihrem Rollkragenpulli verschwinden. Sich in ihm zusammenlegen, die Ärmel auf den Rücken, die obere Hälfte des Stoffes auf die untere. Nochmal glatt streichen und in den Schrank legen lassen. Tür zu.

Aber Tessa hält ihr ein Top an den Oberkörper.

„Perfekt“, sagt sie und: „Zieh das an!“

Als Maria sich nicht bewegt, sieht Tessa demonstrativ zur Seite, damit sie sich umziehen kann. Aber Maria nimmt das Top und läuft ins Bad. Sie zieht den Pulli aus und verschwimmt bis zum Kinn. Auch das Top kann nichts daran ändern, Marias Dekolleté ist verpixelt. Die Schultern, sogar die Oberarme. Also bleibt sie vor dem Spiegel stehen, und ihr Blick im eigenen Ausschnitt verwischt, löst sich auf. Bis sie Tessas Hände auf den Schultern hat.

Plötzlich steht Tessa hinter ihr und betrachtet Marias Spiegelbild.

Sie sagt nichts. Als würde sie die Zensur gar nicht bemerken, vielleicht ist es schon so weit gekommen. Vielleicht ist Maria schon die Stelle, die nicht mehr gesungen wird. Aber dann sieht sie, wie die Konturen ihrer Schultern unter Tessas Händen schärfer werden. Die Pixel verkleinern sich, fügen sich neu zusammen, und Maria hat wieder klare Ränder. Also nimmt sie Tessas Hände und schiebt sie sich an den Hals, das Dekolleté hinunter bis der Stoff des Tops beginnt - und schnell klart sich auch hier das Spiegelbild. Maria kann sich wieder erkennen, ihr Blick ist scharf und lächelnd dreht sie sich zu Tessa um.

„Schönes Top“, sagt sie und läuft an ihr vorbei in Tessas Zimmer.

Jetzt kann Maria sich nicht mehr wehren: Sie hat schon zwei Gläser Wein getrunken, hat Sandra und Tessa zehn Minuten lang beim Tanzen zugesehen und sogar eine Zigarette geraucht, obwohl es ihr nicht schmeckt.

Jetzt nimmt Tessa ihre Hand, zieht sie auf die Tanzfläche und Maria fällt nichts ein. Also steht sie vor Tessa in all den Lichtern und fühlt den Bass irgendwo in ihrem Bauch. Tessa tanzt. Ungelenk und unrhythmisch, aber sie tanzt, lacht Maria an. Und dann spielen sie

The birds and the bees.

Auf dieses Lied hat Maria die Grundschritte für den Boogie Woogie gelernt und mit einer schnelleren Version ihr erstes Turnier mit Henry gewonnen.

Langsam fängt sie an zu tanzen. Tessa sieht lachend zu und versucht bald, es ihr nachzumachen.

Maria wiederholt den Grundschritt so lange, bis sie Tessas Hände nehmen kann. Sie tanzen Boogie, und Maria führt. It's very plain to see that it's time you learn und bald schon kann sie Tessa drehen.

Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Sandra mit einer Flasche Bier in der Hand lächelnd zusieht. Sie sieht zufrieden aus, und Maria dreht Tessa hin und her.

Let me tell you 'bout the birds and the bees and the flowers and the trees

Sie werden immer sicherer und schneller, Tessa macht kaum noch Fehler, als das Lied in ein anderes übergeht.

Maria lässt Tessas Hände los und fasst sich unauffällig an den Bauch. Er ist noch verschwommen. Ein wenig noch. Also dreht sie sich um, dreht Tessa ihren Rücken zu, und die legt ihr die Hände auf den Bauch. Sie tanzen, und Tessas Hände bleiben auf Marias Bauch liegen. Sie merkt sofort, wie die schmale Stelle, die zwischen Top und Jeans zu sehen ist, immer klarer wird. Also nimmt sie Tessas Hand. Sie zieht sie mit sich, sucht einen Raum mit Spiegel, einem großen Spiegel. Im Bad sind sie nicht allein, trotzdem stellt sie sich hinein, und ohne dass sie etwas sagen muss, hilft Tessa ihr schon, auch den Rest ihrer Konturen wiederherzustellen.

 

Tessa

Marias Wangen schimmern rot und feucht, sie dreht sich auf der Tanzfläche. Ganz klar ist sie nun, und ihre Bewegungen folgen einem für Tessa unsichtbaren, in der Musik verborgenen Rhythmus. Maria tanzt den „Puss Cake Boogie, yeah!“ und ruft ihr in der Ekstase aus Musik und Rotwein etwas zu, das Tessa nicht verstehen kann. Selbst Marias Lippen bewegen sich zum Takt der Musik. Ihre Lippen sind Boogie, Maria ist Boogie. Um sie bildet sich ein Kreis aus verschwitzten Staunenden. Tessa staunt auch, sie kann den Blick nicht von Marias Hüften nehmen. Marias Hüften, die swingen und fliegen.

Später folgt Maria Tessa ins Haus. Als Tessa sich umdreht, schimmert Maria noch immer in der Dunkelheit. Sie lächelt und streicht über Marias Stirn, tupft die Schweißtropfen von Wangen und Nase und sieht den Linien ihres Zeigefingers nach. Marias Lippen sind blau, rotweinblau. Tessa muss lächeln.

„Und Henry?“, fragt Maria.

„Der ist nicht hier, oder siehst du ihn?“

Maria lacht nervös und lässt sich von Tessa über leise Stufen hinauf bis unter das Dach führen, zu ruhiger Musik, raschelnden Daunen und Hüften, die auf Tessas ganz privater Tanzfläche eine Erinnerung an Boogie tanzen.

Marias Atem geht ruhig an Tessas Brust. Maria fühlt sich anders an in ihren Armen als Sandra oder Martina oder Felicitas oder Johanna. Ihre Fingerspitzen spielen mit den haselnussbraunen Haarspitzen. Sie denkt an Maria im Badezimmer mit dem Glätteisen in der Hand. Jetzt ringeln sich ihre Locken über das Kissen, als freuten sie sich, Marias Glätteisenknechtschaft zumindest für ein paar Morgenstundenmomente entkommen zu sein. Maria ist hübsch im Licht von Diskokugeln, im Spotlight von Boogiebewunderern und unter Wunderblicken auf ihren Hüften. Tessa mag die verwuschelte Maria mit dem Ausdruck zufriedener Erschöpfung auf den Zügen und denkt an Henry. Henry auf Marias Tanzfläche, Henry in Marias Leben, Henry an Marias Haut.

Henrys Boogie an Marias Boogie-Hüften.

 

Maria

Maria hat den runden Sitz einer Seilrutsche in der Hand.

„Noch einen Schritt zurück“, sagt sie.

„Das klappt niemals“, protestiert Tessa, aber Maria lehnt sich nach hinten und kann das lange Seil, das aus der Mitte des Sitzes weit nach oben ragt, noch ein paar Stufen weiter ziehen.

Maria und Tessa stehen auf einem Abenteuerspielplatz vor einer großen Schaukel, auf die man von weit oben, von einem kleinen Berg aus Steinen aus, draufspringen kann. Man fährt dann lang nach vorn, stößt am Ende hart an und fährt mit neuem Schwung zurück. Maria hat das so lange nicht mehr gemacht.

Es ist mitten in der Nacht, gerade war sie fast schon eingeschlafen und jetzt steht sie doch hier, sie würde so gern mal wieder schaukeln.

„Bei drei“, ruft sie, und Tessa reißt die Augen auf, starrt auf die Schaukel.

„Wir springen gleichzeitig, ich höher als du, ich spring auf dich drauf, das klappt!“

Tessas Hände klammern sich an das Seil. Maria hätte nie gedacht, dass Tessa so ängstlich sein würde, und lacht.

„Eins“, sagt sie und Tessa wimmert ein bisschen.

„Zwei“

Und Tessa sagt: „Nein!“

„Drei!“, ruft Maria trotzdem und springt, und Tessa springt, und beide landen auf der Schaukel, beide übereinander. Sie halten sich an dem Seil fest und hängen nur halb auf dem Sitz, aber sie lachen und schaukeln lange nach vorn, den halben Weg wieder zurück und landen in der Mitte auf dunklem Kies.

„Nie wieder!“, ruft Tessa lachend.

„Oh doch“, sagt Maria und steigt die Steinstufen wieder hoch. Tessa bleibt auf dem Kies und grinst im Schneidersitz. Also schaukelt Maria auf sie zu, von ganz oben auf sie zu, und Tessa grinst weiter.

Erst viel später steht sie wieder auf.

„Ok, ich mach's“, sagt sie und steigt die Steinstufen hinauf mit der Schaukel in der Hand. Maria geht lächelnd hinterher, bleibt stehen, sieht Tessa zu.

„Eins“, sagt Maria und Tessa lacht.

„Zwei“, sagt sie

Und bei „Drei“ springt Tessa wirklich ab. Sie landet auf der Schaukel, genau in der Mitte.

Während Maria zusieht, wie Tessa sich weit weg von ihr am anderen Ende in der Luft langsam dreht, setzt sie sich auf den Stein.

Sofort scheint Tessas Gesicht glatter zu werden. Noch bevor ihre Schaukel den Rückweg antritt, hat Tessa aufgehört, Geräusche zu machen, sie ist jetzt ganz leise.

Maria bemerkt das, bevor sie versteht, wohin sie sich gesetzt hat. Doch jetzt ist es zu spät. Maria bleibt sitzen auf ihrer Steintreppe. Die ganze Nacht. Obwohl es kalt ist und der Stein feucht. Maria bleibt sitzen, bis es wieder hell wird. Tessa ist längst ohne sie gegangen, und Maria ist froh darüber.

Ein Auto fährt vor, Marias Auto. Als sie endlich aufsteht, steigt Tessa aus ihrem Wagen. Sie lächelt und hat Marias alte Tasche in der Hand.

Maria lächelt zurück, sie friert, sie ist müde, aber sie lächelt zurück und steigt in ihr Auto. Die Tasche wirft Tessa wieder auf den Beifahrersitz, sie selbst bleibt draußen stehen. Sie wird nach Hause laufen. Ihr Lächeln sitzt fest.

Im Auto riecht es nach alten, warmen Sitzen und ein bisschen wie das Innere von Marias alter Tasche.

Sie braucht dringend eine neue, denkt Maria. Sie soll genauso groß sein, genauso schwer, aber anders, ganz anders, ganz neu.

Sie schaltet das Radio ein und während sie anfährt, klopfen ihre Finger auf dem Lenkrad im Takt eines langsamen Boogies.

 

Kategorien Portraits

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