Gewinnertext von Fabian Buchauer

Zu schlechte Noten

Hermann Wielke, grau meliert und mit bescheidener Bewegungskompetenz ausgestattet. Rentner und alles tat ihm weg. Krückstock immer an der Hand und Schmerzen in der Hüfte. Arthrose in blühendster Vollendung lautete die einschränkende Diagnose. Entsprechend schwer fiel es ihm. Das Leben mit seinen Wegen des Alltags. Er lebte wie alte Menschen so leben. Mit einer Möblierung wie aus dem Überraschungsei. Kitschig und mit einem Hang zu Angeboten aus Fernsehverkaufssendungen. Das meiste hatte die verstorbene Gattin zusammengetragen. Die Puppensammlung plus selbstgehäkelte Wechselkleidung beispielsweise. Auch schön die Landschafts-, Tier- und Familienbilder. Alles hing an abgelebten Wänden, von Wielkes Pfeifenrauch geschwärzt. Abgestandener Geruch hing in der Wohnung, fast modrig. Wielke roch das nicht mehr. Seine Rezeptoren waren vom Tabak fest verschweißt und für den heimischen Mief nicht mehr aufnahmefähig. Einzig ein bestimmtes würziges Aroma konnte sich noch an den buschigen Nasenhaaren vorbei zur Riechschleimhaut durchkämpfen und für wohliges Empfinden sorgen. Grund genug die müden Knochen in Bewegung zu setzen, um sich in die Umgebung einer solch schmackhaften Atmosphäre zu begeben. Rentner Wielke machte sich im guten Anzug auf den Weg. Von München Milbertshofen ins Zentrum war es trotz bester Anbindung an das Netz des öffentlichen Nahverkehrs eine beschwerliche Herausforderung für die verrosteten Gelenke. Doch die Zeit war auf seiner Seite. Gemütlichkeit war gar kein Ausdruck.

Es war ein strahlender Frühlingstag. Die Sonne stand bereits hoch am Firmament und Wielkes Gemüt strahlte zurück. Auch die Bäume waren festlich gewandet. Mit ihren entpackten weißen Blüten hüllten sie ganze, sonst triste Straßenzüge in ein wattenes Hochzeitskleid.

Ganz hinten in der Trambahn hatte Wielke alles im Blick. Er sah die Autofahrer, die wie Sardinen mit traurigen Augen aus ihren Blechdosen hervorlugten und sich von roter Ampel zu roter Ampel hangelten. Er selbst genoss das Gondeln. Vorbei an begrünten Balkonen, knorrigen Bäumen und adrett geschnittenen Hecken. Allein der pflanzlichen Bilderflut, die aus greifbarem Abstand auf ihn einströmte, widmete er seine ganze Konzentration. Weder die polternden Klänge aus den Kopfhörern eines vor ihm sitzenden Bierpunks, noch die gegrunzten Sprüche pöbelnder Burschen traten in sein Bewusstsein.

In den beruflichen Jahren als Lehrer hatte Wielke gelernt abzuschalten. Keinerlei Aufmerksamkeit durfte halbstarken Taugenichtsen gegeben werden. Ein einfaches, doch das beste Rezept, gegen aufmüpfige Jugendliche, die unter schulischer Leistungsverweigerung leiden. Besonders eine Gruppe hatte Wielke als Problem identifiziert. Er hielt nicht viel von Menschen, die ihren Kindern moderne „Jimi-Blue“-Namen gaben. Geschweige denn von den Kindern selbst. Er glaubte, eine gewisse Korrelation zwischen Namen und geistiger Fähigkeit aufgespürt zu haben. Dabei war es ihm völlig egal, dass diese Diskriminierung wohl als konservativ verhärmt galt. Rentner Wielke mochte einfach keine Kevins mit schlechten Noten. Das gemütliche Gleiten die Schienen entlang ins pulsierende Herz Münchens erzeugten positive Gefühle in ihm. Ziel war ein Ort der Begegnung und der Betriebsamkeit. Ländlicher Charme von Urbanität umrahmt. Ein Metzgereibesuch als letzter wahrer Sinn des Lebens.

Er ging ganz nahe ran und schnupperte. Salzig roch er, der Speck. Aber nur kurz am ersten Stück aufgehalten. „Mission Speckstube“ ging sogleich weiter. Geräuchertes Fleisch noch und nöcher. Und auch sonst. Salami, Rohschinken, Wiener, feine Mettwurst. Vor allem Leberkäs und Weißwürste. Er war zu Besuch in einer Grotte der Versuchung. Überall hingen deftige Knackwürste von der Decke, und türmten sich dicke Schinkenvariationen in die Höhe. Auch das Auge durfte von den einladenden Facetten frischer, fleischroter Farbtöne kosten. Inmitten dieses riesigen Fleischfundus übertrafen sich Wielkes noch aktive Wahrnehmungskanäle gegenseitig mit der Aufnahme von euphorisierenden Signalstoffen. Es war an der Zeit, den Verlockungen nachzugeben. Etwas von dort, und auch davon ein Stück zur Mitnahme. Für sofort war eine Leberkässemmel bei der Metzgereichefin in Auftrag gegeben. Mit süßem Senf verstand sich. Fast vergaß er, drei Stück Weißwürste mussten auch noch mit. Für jeden Enkel eine. Man konnte schließlich als waschechter Bayer nicht früh genug damit beginnen, die richtige Häutungstechnik an die Nachfahren weiterzugeben.

Doch Genuss macht träge. Quasi automatisch aktivierte sich in Wielke ein Leitsystem und steuerte ihn gemächlich zu den Bierbankgarnituren auf dem Viktualienmarkt, dieser wertvollen Oase inmitten des städtischen Gewusels.

Rentner Wielke genoss seine frische Maß im Schatten der Kastanien sichtlich und sein galoppierendes Herz regulierte sich wieder auf angenehmen Ruhepuls herunter. Wer wusste schon, wie oft seine Hüfte noch Ausflüge dieser Art mitmachen würde.

Wenn er zum Marktstand blickte, dann schaute er einem Schweinekopf direkt in die leeren Augenhöhlen. Etwas traurig wirkte der Sauschädel auf ihn. Vielleicht, weil Wielke Schweine gut leiden konnte. Früher, er war auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatten sie selber welche. Gerne tobte er draußen herum, kletterte auf den Verschlag und beobachtete die grunzenden Tiere in ihrem Stall. Am liebsten waren ihm nicht die putzigen, süßen Ferkel, viel eher die schweren Brocken. Eingesuhlt und unmanierlich schmatzend mochte er sie. Wenn sie mit ihren gelben Zähnen kraftvoll angefaulte Äpfel zermalmten, und man ihnen dabei über die grauen Nackenborsten streichen konnte. Heute wusste Wielke, dass Schweine auch nur Menschen sind. Wenn auch vertrauenswürdiger.

Ungemütlich war es geworden. Die Sonne hatte sich hinter Wolken unauffindbar verirrt und erlaubte es dem kalten Wind, Rentner Wielke auf den Heimweg zu schicken. Noch etwas Gemüse für zu Hause?

„Da haben wir den Salat“, grummelte Frau Kohl vor sich hin und bewegte sich schnellen Schrittes zu ihrem Gemüsestand. Gerade eben hatte sie ihre Tomaten fein säuberlich eingeschlichtet. Jetzt lagen sie alle am Boden. Die eine Hälfte zermatscht, und die restlichen kullerten munter neben Weißwürsten auf dem Kopfsteinpflaster herum. Wielke hatte sich unbeholfen auf der Ablage abgestützt und sie aufsehenerregend mit sich zu Boden gerissen. Dort unten lag er nun und starrte mit herausgetretenen Augen apathisch ins Nichts. Alsbald sammelte sich ein wachsendes Grüppchen Menschen um den Gefallenen. Den Neugierigen bot sich eine verstörende Darbietung. Kreidebleich und mit ungewöhnlich intensiver Körperspannung lag ein älterer Herr am Boden und speichelte selbigen voll.

Kein schöner Anblick empfing die herbeiströmenden Leute, die sich im Glauben an Vorbereitungen für eine Gauklervorstellung, um die bereits postierten Beobachter scharten.

Wielkes Leiden schienen einen ungeahnten Höhepunkt zu erreichen. Ungestüme Zuckungen wie bei einem Rind, dessen Schädeldecke gerade von einem Bolzen durchschlagen wurde, beutelten seinen Körper.

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ Ein junger Kerl hipper Fasson quälte sich durch den Menschenauflauf und begann, mit seinen manikürten Händen zu hantieren. Erstaunlich zügig brachte er den leidenden Wielke in stabile Position und ließ sich auch nicht beirren, als sein Patient in das Stadium der Ohnmacht abgeglitten war. Vielleicht hatte er sich überhaupt schon aus dem Leben verabschiedet. Für Frau Kohl war das nicht feststellbar.

Zufrieden erkannte sie jedoch, dass nicht alle Anwesenden der totalen Schauluststarre verfallen waren. Irgendjemand musste in einem Anflug von Gewissenhaftigkeit die Rettung alarmiert haben und zeichnete somit dafür verantwortlich, dass das furiose Finale der Wiederbelebung unter Ausschluss der Öffentlich stattfinden würde. Mit Bahre und Tatütata stürzten Sanitäter herbei, übernahmen den alten Mann vom selbsternannten Arzt und brachten ihn ins Krankenhaus.

Das Spektakel war zu Ende. Die einen absolvierten ihre restlichen Einkäufe, Frau Kohl stellte sich nach geglückter Reinigung der Standfläche wieder hinter ihre Feinkosttheke und der edle Ersthelfer ging wieder in die Bar an der Ecke zurück und dort seinem Beruf nach. Maurice war Kellner. Für ein Medizinstudium hatte er zu schlechte Noten.

 

Kategorien Portraits

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