Eröffnungsrede von Georg Klein

Heimat im Wort

INGOLSTADT - Die Eröffnungsrede von Georg Klein zu LITERATURupdate 2010 in voller Länge.

georg
Foto: Kajt Kastl

Werte Anwesende, liebe Genießer und Nutznießer der Literatur,

„Was Wörter sind, das wisst ihr?“, so sprang es mir vor kurzem aus einem viel gerühmten, aus einem zu Recht berühmten Roman entgegen.
Und obwohl der Satz mit einem Fragezeichen schließt, glaubte ich ein bedrängendes Ausrufezeichen mitzuhören. Harsch und streng kommt mir diese Frage weiterhin vor. Immerhin wird nicht weniger als „Wissen“ verlangt. Einer, der offenbar genau Bescheid weiß, klagt sichere Kenntnis ein, ein Bescheidwissen über das Wesen der Wörter, von dem auch wir, sobald ein Zeigefinger auf uns zeigte, explizit, also mit Worten, Zeugnis ablegen können müssten.
     Die Hauptfigur des Romans, ein furchterregend gescheiter, dazu arg dominanter Schriftsteller, stellt die ominöse Frage nach den Wörtern in aller Herrgottsfrühe einem befreundeten Ehepaar und dessen halbwüchsiger Tochter. Gemeinsam ist man in nebligem Halbdunkel in die offene Landschaft hinausgestiefelt, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Nasse Wiesen, morastige Wege, Brennesseln und Distelgewucher, ein Entwässerungsgraben, ein Kälbchen hinter Stacheldraht. Das Gelände wird öd genannt, und sein Name scheint seine karge Unwirtlichkeit noch zu unterstreichen: „Schauerfeld“ heißt das Stück für die Einheimischen. Als „Campus horrorum“ übersetzt der Autor den Namen ins Lateinische und wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass ein des Lateinischen kundiger Leser diese beiden Wörter sogleich als „Feld der Schrecken“ in unser Deutsch zurückübersetzt.

     Schaurig ist das dämmrige Gelände aber allenfalls durch seine morgendliche Kühle. Ziel des Zeigens, Erläuterns und gelehrten Abschweifens ist es nicht, das Stückchen Land zu etwas Düsterem zu mystifizieren. Ganz im Gegenteil: Noch bevor es hell wird, sollen den schlaftrunken Mitwandernden, Wort für Wort, die Augen für den Zauber, den Liebreiz des Raumes aufgehen, denn man gemeinsam durchschreitet. „Das Stück hier – so „Campus horrorum wie es Euch scheinen mag – gehört übrigens mir.“, meint der Schriftsteller beiläufig. Und dann schiebt er noch eine überraschend nüchterne Erläuterung hinterher: „Zwei Morgen (...) 21 Pfennig der Quadratmeter.“Der Morgen ist ein altes Flächenmaß. Sein Name verweist ursprünglich auf einen Zeit-Raum. „Morgen“ bezeichnete die Ackerfläche, die ein Bauer mit einem Pferde- oder Ochsenpflug an einem Vormittag umwenden konnte. Das hing von mancherlei ab, von der Art des Bodens, von dessen Nässe oder Trockenheit, von der Kraft des Zugtiers, von der Tiefe der Pflugschare. Die Maßeinheit „Morgen“ war im jeweiligen Tun konkret, aber nicht überregional exakt. Das Schauerfeld unseres Schriftstellers, irgendwo in der Lüneburger Heide, muss zwischen 2 500 und 5000 Quadratmeter gemessen haben. Das heißt, er hat damals, in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts, maximal 1000 D-Mark für seine geliebte Scholle bezahlt.
     Die Vielfalt der Wörter, die er ins Feld des Textes führt, um uns das Areal seiner täglichen, meist nächtlichen Spaziergänge zu beschreiben, übersteigt die Zahl der Quadratmeter und die Höhe der Kaufsumme bei weitem. Allein auf den ersten drei Seiten des Romans habe ich bereits 500 verschiedene Vokabeln gezählt: „sündig“ und „spröde“, „schmollen“ und grollen“, „Goldpapier“ und „Augentelegrafie“. Schließlich habe ich vom Sammeln ermattet, von den Funden beglückt, eingangs der vierten Seite mit dem frommen „Rosenkranz“, der im folgenden auch noch „Spielkette“ und „Spielschnur“ genannt wird, zu zählen aufgehört.

     Ich weiß nicht, wie viele Morgen Acker- oder Weideland das greise Bauernpaar bewirtschaftet hatte, das ich just in der Zeit kennenlernen durfte, als jener Roman erschien und in der alten kleinen Bundesrepublik einiges Aufsehen erregte. Die alte Bäuerin war Insassin des Altersheims in Bayrisch-Schwaben, in dem ich meinen Zivildienst angetreten hatte. Nützliche Vorkenntnisse brachte ich so gut  wie keine mit. Aber die resolute, aus dem untergegangenen deutschen Ostpreussen stammende Krankenschwester, der die Leitung der Pflege oblag, ließ mich einfach vom ersten Tag an alles mittun. Und so saß ich bald neben der über achtzigjährigen Frau und löffelte Suppe, Kartoffelbrei, püriertes Fleisch oder Apfelmus zwischen Lippen, die offenbar allein noch zum Essen und Trinken auseinandergingen. Wortgläubig, wortlüstern wie ich war, versuchte ich hartnäckig, ihr doch die eine oder andere Silbe zu entlocken. Und als meine Vorgesetzte dies beobachtete, meinte sie trocken: „Keine Sorge, junger Mann! Ihr Freundin spricht schon noch. Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn’s soweit ist.“
     Der angekündigte Tag der Worte kam. Es war der Monatserste, an dem der körperlich wie geistig rüstige Bauer zu Besuch erschien. Gemeinsam betraten wir das letzte Gemach seiner Gattin. Sie erkannte ihn sogleich. Und schon bevor er am Tisch Platz genommen hatte, bekann sie laut und klar zu ihm sprechen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich dieses Erwachen-zum-Wort in den folgenden anderthalb Jahren beobachten durfte. Aber an eine bestimmte Wiederholung kann ich mich szenisch erinnern. Bald nach meinem Dienstantritt war der Pflege auch eine koreanische Krankenschwester zugeteilt worden. Die junge Frau, jünger noch als ich, hatte in ihrer Heimat, nach ihrer Anwerbung zum Dienst im fernen Europa, einen Blitzkurs Deutsch absolviert. Als sie bei uns eintraf, kannte sie vielleicht hundert deutsche Wörter, dazu zwei Dutzend auswendig gelernte Sätze.
     Einmal waren wir gemeinsam im Zimmer der alten Bäuerin, als deren Mann zum monatlichen Besuch erschien und der unweigerlich fällige Sermon zu strömen anhob. Stets lautete das erste Wort „Du!“, und somit war geklärt, wer mit allen folgenden gemeint sein musste. Wir hörten ein Weilchen gebannt zu, und wie wir schließlich wieder auf den Flur hinausgetreten waren, fragte mich, meine fernöstliche Kollegin, wovon die sonst völlig Stumme denn nur gesprochen habe. Sie habe jedenfalls kein einziges Wort verstanden.
     In gewisser Weise befand ich damals auf dem grünen Linoleum des Altenheimflurs in der gleichen Verlegenheit, in die mich nun erzählend vor Ihnen gebracht habe. Theoretisch, in allgemeinen Begriffen, ist die Beantwortung der Frage einfach: Die Greisin reihte einzelne Wörter aneinander, die vom Atemholen wie von unsichtbaren Ausrufezeichen separiert wurden. Es waren Nomen, nicht selten aus zwei Teilen zusammengesetzt. Manchmal wurde sie auch von einem schmückenden Eigenschaftswort begleitet. Alle Ausdrücke bezogen sich auf ihren Ehemann, jeder bezeichnete ihn als etwas Bestimmtes. Alle beschworen zudem dieselbe Sphäre menschlicher Existenz herauf. Diese Lebenssphäre war nicht das einstige Tagwerk des Paares, weder das Viehfüttern und Melken, noch das das Mähen und Pflügen, obwohl das Substantiv „Pflüger“ in einer ungewöhnlichen Zusammenbildung vorkam.
     Wortwörtlich kann ich mich nur noch an drei der Ausdrücke erinnern, die von der alten Frau wie die Perlen eines Rosenkranzes aneinandergereiht wurden.  Alle drei sind aus einem Grund- und einem Bestimmungswort zusammengesetzt. Der vordere Teil des Kompositums bezieht sich auf einen eng begrenzten räumlichen Bereich, auf ein Terrain des menschlichen Körpers. Dieses leibliche Territorium wird dann durch das beifügte Wort mit einem Tun, zum Beispiel dem „Pflügen“, in Verbindung gebracht.
     Damals war ich zu schüchtern, um eine einfache Erklärung des gemeinsam Gehörten zu wagen. Also stotterte ich etwas von Mann und Frau, von Ehe, vom gemeinsamen Wirtschaften auf dem Bauernhof, bis mir die sprachgabte Asiatin, die während meiner Dienstmonate ohne jeden Unterricht flüssig und fehlerarm Deutsch zu sprechen lernte, ins Wort fiel. Sie habe schon verstanden, die arme Oma, die sonst nie mehr etwas sagen wolle, habe von ihrer „Liebe“ zu ihrem Mann gesprochen.
     Damals hielt ich dies für einen hilfreichen Irrtum. Heute würde ich sagen: Ganz falsch war der koreanische Eindruck nicht. Und wenn ich nun darauf verzichte, die drei Ausdrücke, deren ich mich entsinne, zu zitieren, dann tue ich es vielleicht doch aus einer anderen Scheu als damals. Die wirklich kräftigen, die ziemlich derben Bezeichnungen, mit denen die Bäuerin ihren Ehemann einmal im Monat bedachte, waren in ihrer nicht abreissenden Reihung, im obszönen Rosenkranz, in der letzten Spielschnur, in der allerletzten Spielkette ihres Sprechens an Ort und Stelle, als Wörter zwischen Wörtern, merkwürdig heimelig geborgen. Ich traue mir schlicht nicht zu, eine vergleichbar heimatlich intime Landschaft für sie zu entwerfen.

     Um noch weiter auf diesem heiklen Wortgelände, auf dem Schauerfeld rund um die leibliche Liebe, zu verweilen: Heute gäbe ich etwas dafür, wenn mir einer, der sich besser als mein Ich in meiner Vergangenheit auskennt, wenn mir zum Beispiel ein nächtlicher Traum verraten würde, wie der Einsilber „Sex“ in meinen Wortschatz einging. Ich bin sicher, dass er im Sprach-Reich meiner Kindheit noch sehr selten war. Sobald ich einschlägige Szenen aus meinen ersten zehn Lebensjahren heraufbeschwöre, lande ich zwangsläufig bei einem bestimmten doppelten Hauptwort und sehe weibliche Lippen, den ungeschminkten Mund meiner Mutter oder den kirschrotgemalten Mund meiner Patentante, ein dreisilbiges Kompositum bilden. Offenbar kannte der Bub, der ich war, vor dem isolierten Wort „Sex“ schon dessen Zusammenbildung mit dem Wort „Bombe“. „Eine Sexbombe“, noch häufiger der erweitere Ausdruck „eine richtige Sexbombe“, oder gar „eine wahre Sexbombe“, wurde von meiner Mutter wie von meiner Tante mit einem merkwürdig schillernden Respekt ausgesprochen, der mich sogleich hellhörig machte.
     Eine Nachbarin, die es aus dem märchenhaft fernen Sudetenland in unseren Nachkriegswohnblock verschlagen hatte, war eine solche, wurde zumindest an unserem Küchentisch gelegentlich so genannt. Ihr Sohn war mein Freund und Volksschulbanknachbar; ich hatte also hinreichend Gelegentheit, die Erscheinung seiner Mutter, zumindest ihr hausfrauliches Tun und Lassen zu beobachten. Aber das Sexbombenhafte, das ihr damals in den Augen ihrer erwachsenen Geschlechtsgenossinnen anhaftete, ist mir bis heute ein schummrig nebeliges Gelände. Wahrscheinlich hätte mir jemand - an Ort und Stelle! - mit Worten die Augen dafür öffnen müssen.
     Der Sexbomben-Sohn und ich gingen unsere gesamte Volksschulzeit gemeinsam zur katholischen Messe. Wir waren die einzigen Vertreter unser Familien, die dies taten. Unsere proletarischen Eltern hielten jede Art von Religion für Brimborium und Budenzauber. Uns beide jedoch hatte der Pfarrer der Neubausiedlung, der auch unser Religionslehrer und ein wortgewaltiger Werber war, davon überzeugt, dass es jeden Sonntag aufs Neue ein Ereignis war, an der damals noch geheimnisvoll halbverständlichen Lateinischen Messe teilzunehmen. Ungezählte Male habe unseren Stadtpfarrer vor der Schultafel und von der Kanzel herab säuseln und donnern, donnern und säuseln gehört. Und ich bin mir sicher, dass er zumindest einmal auch in Sachen „Sex“ wuchtige und werbende Worte gesprochen hat.
     Zum atemstockenden Staunen aller Anwesenden, vor Alt und Jung, vor den getrennt sitzenden Geschlechtern, vor Frau und Mann, vor Bub und Mädchen hob unser Stadtpfarrer im Jahr des Herren 1963 an, mit hohem Pathos gegen den Oben-Ohne-Bikini zu predigen. Das Wort „Oben-Ohne-Bikini“, das sich in seinen drei Bestandteilen selbst widerspricht - denn ein Bikini ohne Oberteil kann eigentlich kein Bikini sein! -, ist längst im Strom der Zeit versunken. Aber damals schwamm es auf brisant hoher Welle, in der Schaumkrone medialer Aktualität. Sogar das Regionalfernsehen, die brave „Münchner Abendschau“, hatte von dieser Mode-Torheit Made in USA berichtet. Ich erinnere mich in überscharfem Schwarzweiß an den bloßen Rücken einer Badeschönheit und an das Schwenken der Kamera über die Liegewiese eines bayerischen Freibads. Dazu erklang eine seriös tuende männliche Stimme, die recht scheinheilig um das herumschwadronierte, was diesem Bikini zum vollständigen Bikini-Sein fehle und nun allerlei moralische und juristische Fragen auf den Plan rufe.
     Wie anders dagegen unser Stadtpfarrer! Wo das Fernsehen wenig mehr als bloße Schulterblätter, eine plattgetrampelte Freibadwiese und verdruckste Heuchelei zu bieten hatte, malte er uns, den glücklich Anwesenden, eine ganze Landschaft. Es waren die Wäldchen und Auen der von derart stupider Blankheit verschonten und daher ungestört bildschöpfenden Phantasie, das Gehölz verhaltener Vorlust, die Bäche und Gewässer behüteter Sinnenfreude. Unser Pfarrer predigte von den Reizen des klug Verborgenen, von der Schönheit, die sich am allerschönsten indirekt abbilde, und davon, wie gerade das freudige Entblößen einen Schutzraum brauche, der die Gucksucht der gierigen Außenwelt ausschließe. In diese häuslich-heimatliche Idylle des Begehrens und Begehrtwerdens breche der unsägliche Oben-Ohne-Bikini wie ein außer Rand und Band geratener Bagger, wie ein amerikanischer Bulldozer, der eine an Dickicht und lauschigen Winkeln reiche Flur bereinigen wolle, aber nur blöd-platten Flurschaden anrichte.
     Sehr lang und üppig wortreich stelle ich mir diese Predigt heute vor. Und obwohl in ihr das kurzatmige „Sex“ gewiss nicht erklang, war indirekt doch die Rede von der Verlorenheit dieses Lehnwörtleins. Bis heute scheint es mir ein armer Fremdling geblieben. Das Substantiv „Sex“, hat, wenn mich mein Wortgefühl nicht trügt, seit damals, also seit fast einem halben Jahrhundert, trotz seiner Allgegenwart immer noch Schwierigkeiten mit seiner „Integration“. Es will, um es freundlicher und sinnlicher zu sagen, einfach nicht richtig heimisch im Deutschen werden. Die Teilhabe, um es mit einem besseren Wort als dem zugleich vagen und latent bedrohlichen „Integration“ zu sagen, die Teilhabe am Spiel der Wörter will diesem altgedienten Lehnwort immer noch immer nicht richtig gelingen.
     Andererseits: Wörter haben Zeit. Verglichen mit dem Zeitraum, der uns als Sprechenden und Hörenden zur Verfügung steht, haben Wörter alle Zeit der Welt. Jene „Sexbombe“, die mir in den späten 50ern  zum ersten Mal zu Ohren kam, war eines der ersten krummen Würzelchen, die das Wortkorn „Sex“ in den lockeren Boden unserer Sprache trieb. Dabei ist es natürlich nicht geblieben. Neulich, in einem Regionalexpress mitten im unheimlich grünen Emsland, habe ich zwei Schüler, etwa zehn Jahre alt, belauscht, die sich über ihre älteren Geschwister unterhielten. „Die sexen schon!“, meinte einer, bezogen auf seinen großen Bruder und dessen Freundin. Das klang mir viel angenehmer, weit heimatlicher im Ohr als das allgewohnte „Sex machen“,, das durch die Jahrzehnte, in den Mühlen des Gebrauchs, nichts von seiner hilflos zusammengeklebten Plumpheit, nichts von seinem Notbehelfscharakter eingebüßt hat.

     In einer hessischen Großstadt kam ich, wenige Tage nachdem ich das Verb „sexen“ kennengelernt und auf Probe in meinen Wortschatz aufgenommen hatte, aus einem U-Bahn-Schacht in die Oberwelt zurück. Mein Blick suchte nach einem Passanten, der ortskundig aussah und erfasste zwei halbwüchsige Kopftuchmädchen, die die Treppe ansteuerten, der ich gerade entstieg. Aufs erste Hinschauen kamen mir die beiden überzeugend einheimisch vor, vielleicht weil Touristinnen eher selten Kopftücher tragen, vielleicht aber auch weil sich die Kopftücher so grundsätzlich unterschieden. Die eine hatte einen bunten Stoff spiralig um den hochgesteckten, rötlich getönten Haarturm gewickelt. Das Haar der anderen blieb dagegen bloße Ahnung, so dicht schloß sich der Saum des blaugrauen Tuchs um das Oval des Gesichts, um Stirn, Schläfen, Wangen und Hals.
     „Sie kennen sich hier bestimmt aus!“, unterstellte ich den beiden Mädchen, die sogleich nickten. Das gesuchte Hotel war ihnen in der Tat bekannt. Und gemeinsam erklärten sie mir in einem zart hessisch gefärbten Hochdeutsch den kürzesten Weg dorthin. Mit einem „Dankeschön!“ und einem „Bitteschön!“ hätten wir sogleich wieder auseinanderstreben können, aber weil ich in der U-Bahn an den kleinen Vortrag gedacht hatte, den ich nun schon ein Weilchen vor Ihnen halte, riss mich irgendetwas, irgendein innerer Kerl, wahrscheinlich der Dämon der kommunikativen Gelegenheit, zu einer zusätzlichen Frage hin: „ Noch etwas! Noch eine Kleinigkeit: Was Wörter sind, wissen Sie das zufällig auch?“
     Die beiden Kopftuchtuchmädchen nickten erneut, aber seltsamerweise nickten sie nicht mir, sondern sie nickten sich gegenseitig zu - nicht nicht bloß einverständig, sondern, wie mir schien spöttisch und wortlos verschwörerisch. Dann sagte die Ovalumtuchte zu mir, dem Fremden: „Nein! Da können wir Ihnen nicht behülflich sein? DAS wissen wir leider nicht!“ Hatte Sie wirklich „behülflich“ gesagt? Mein Vorrat an Keckheit war leider schon verbraucht, ich wagte nicht, die beiden auch noch zu fragen, ob man mundartlich hier in dieser Gegend, vielleicht sogar nur in dieser Stadt tatsächlich „behülflich“ statt „behilflich“ sagte.
     Zurück aufs freie Feld, zurück ins feuchte Morgengrauen des Romananfangs, von dem ich eingangs erzählt habe. „Was Wörter sind, das wisst Ihr?“, hatte die Schriftstellerfigur seine Freunde gefragt. Ein Antwort in Worten bekommt er darauf nicht, aber seine Begleiter nicken in schönster Selbstverständlichkeit. Natürlich wissen sie, was Wörter sind. Wer wüsste das nicht. Jedes Kind weiß es. “Mir war’s nich ganz klar!“, denkt sich der Schriftsteller im Roman, und der Leser darf dieses Eingeständnis lesen, während die gedankliche Ohnmacht des Autors auf dem morgendlich nebligen Schauerfeld, in der äußeren Welt des Romans, unausgesprochen, also verborgen bleibt.
     Dann aber legen der Verfasser des Buches und sein Schriftsteller-Held richtig los, gemeinsam hauen sie mächtig auf die theoretische Pauke und entwickeln eine verzwickte Lehre von den Wörtern. Satz für Satz wird der Leser darin eingewickelt, wie in einen überlangen Rosenkranz, wie in eine Spielkette, wie in eine Spielschur aus Beispielen und Argumenten. Lesend und mitdenkend glaube ich diesem Geschlinge nicht. Ähnlich wie meine Eltern die Religion für ein fragwürdiges Brimborium hielten, halte ich die Worttheorie des verehrten Kollegen für einen rechten Budenzauber. Aber das heißt nicht, dass ich ihm, dem großen Heimatschriftsteller Arno Schmidt, kein Wort glauben würde.
     „Doppelzüngelnd“, „ränkespinnerisch“, „nachdenksamig“, „zünftig“ und „geziemend“. Das ist nur eine kleine Auswahl an Eigenschaftswörtern von der fraglichen Roman-Seite. Von Herzen dankbar bin ich dem wortschürfenden Autor für das Nomen „Begattungslustigkeit“, ein Wortgewächs, das das kümmernde Pflänzchen „Sex“ sogleich zum Erstmal-brav-Weiterwachsen an den Wegrand des Deutschen verweist.
     Zu Beginn der verzwickten Worttheorie, heißt es übrigens „Hülfsbegriff“ mit genau demselben „ü“, mit dem das Offenbacher Kopftuchmädchen „behülflich“ ausgesprochen hat. Das kann kein Zufall sein: Hier kommen sich zwei verwandte Wörter im Fluss meiner Lebenszeit ganz nah, fast kommen sie mir zu Hülfe. Was Wörter sind, weiß ich es? Ein Wort das wäre bestenfalls, das ist im behülflichen Falle der kleinstmögliche Fleck Heimat im erschreckenden Text dieser Welt. Und mehr als der schlauste Satz, mehr als die aus solchen Sätzen klug zusammengeknüpfte Rede bekundet gelegentlich ein einzelnes Wort, dass es sich auf diesem im Großen und Ganzen recht schaurigen Planeten dennoch zu lesen und zu lauschen und zu fragen, also zu leben lohnt.

Redaktionelle Anmerkung:
Der Text erschien zuerst am 16. Oktober 2010 in der Süddeutschen Zeitung.
Mit bestem Dank an Steffen Kopetzky

 

Kategorien Portraits

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