Zum Auftakt von LITERATURUPDATE BAYERN

Diesmal droht Erfolg

Das Ingolstädter Exerzierhaus trägt einen strengen Namen und steht umgeben von den Bauten der Landesfestung am südlichen Donausufer - feiste, klassizistische Türme. Die Funktion dieses Ensembles hätte sich nicht glatter ins Gegenteil drehen können, als am Abend des 9. Oktober. Gebaut, um jegliche Avantgarde (dt.: Vorhut!) schon von ferne unter Feuer zu nehmen, beherbergte das Exerzierhaus die Eröffnung des Festivals LITERATURUPDATE BAYERN und Fliesstext10, das einen Schwerpunkt auf experimentelle Formate und damit auch auf die Avantgarde legt.

Von TOBIAS ROTH

Künstlerische Kernpunkte dieses ersten von gut 140 Programmen waren eine Installation von Julius Popp und ein Vortrag von Georg Klein. Während letzterer naturgemäß den Zeitraum nach den Eröffnungsreden einnahm, war von ersterer noch darüber hinaus vermeintlich keine Spur. Dass aber der erratische Apparat unter dem wunderbaren offenen Dachstuhl des Exerzierhauses seinen Betrieb erst spät aufnahm, hatte seinen Sinn und war durchaus zu Gunsten der Redner arrangiert worden.

Die erste Rede des Abends gehörte Alfred Lehmann, dem Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt und ein Schirmherr der Reihe Fliesstext10. Die grundlegende Bedeutung der Literatur und den konzeptionellen Motor von Fliesstext10 brachte er in dem goetheanisch anmutenden Credo zum Ausdruck, dass die meisten Menschen nichts so sehr interessiere wie andere Menschen.

Eine Frage für ein anderes Blatt

Norbert Tessmer, 2. Bürgermeister Coburg und Vorsitzender des AK Gemeinsame Kulturarbeit, sprach anschließend vom veränderten Literaturgebrauch, der vor allem mit dem Internet zusammenhängt. Dort findet sicherlich der Löwenanteil der zeitgenössischen Beschäftigung mit Buchstaben statt und der Verdienst, dass der LITERATURUPDATE darauf reagiert, kann nicht genug betont werden. Ob aber wirklich Literatur in Zukunft strukturell und unabdingbar auf Strom angewiesen sein wird (in welcher Form sie, in welcher Form er auch immer) und ob die zweifellos veränderten Textumgangsformen in absehbarer Zeit auch die Substanz der Literatur ergreifen und direkt umgestalten werden (selbst der Buchdruck hat es nur indirekt gekonnt), ist freilich eine Frage für ein anderes Blatt.

Im Anschluss an diese Eröffnung durch die Kommunalpolitik sprachen noch die Leiterin des LITERATURUPDATE Christine Fuchs, der Kopf dieser „größten literarischen Anstrengung in Bayern“ (Tessmer), sowie Steffen Kopetzky, der künstlerischer Leiter von Fliesstext 10, der „mit dem Kopf im Himmel der Sprachkunst und mit beiden Beinen fest auf dem Boden bayrischer Kommunalpolitik“ (Fuchs) die Veranstaltungen kuratiert.

Georg Klein, „einer der stärksten Stilisten der deutsche Literatur unserer Zeit“ (Kopetzky), sprach in seinem Festvortrag schließlich beredt vom Wort selbst. Ausgehend von Zettels Traum umkreiste Klein die heimelig-heimatliche Schmiegsamkeit und die rätselhafte Unaussprechlichkeit des Wortes. Die Widerständigkeit des Sexuellen der Sprache gegenüber und die Frage, was Worte seien, zogen sich durch alle Literatur- und Erinnerungsepisoden des Vortrags. Der Name Arno Schmidt aber fiel erst gegen Ende, nach einer guten halben Stunde, auf dass ein Name, seltsames aller Wörter, nicht mit einem Dickicht von Vorannahmen in die zarten Überlegungen einbrechen konnte; und mit einer Verneigung vor der (Sprach-)Präzision Schmidts muss gesagt werden, dass sein Name in Georg Kleins Rede faktisch nach 28 Minuten und 47 Sekunden fiel.

Fernschreiber, dreidimensional und flüchtig

Sodann begann der „Bit.Fall“ den Gästen „mit Worten die Augen zu öffnen“. Steffen Kopetzky hatte zum Beginn seiner Rede ausgeführt, dass er zwar einerseits die Rede so geschrieben habe, als sei hinter ihm die Installation bereits im Gange, dass er nun andererseits aber glücklich sei, in keinen Aufmerksamkeitswettstreit mit der großartigen Maschine treten zu müssen. Die Installation des in Nürnberg geborenen und in Leipzig ausgebildeten Künstlers Julius Popp stellte Worte in den Raum, die ein Algorithmus nach dem Kriterium der Häufigkeit in Echtzeit aus dem deutsprachigen Internet filterte. Sie ließ diese Worte im Raum schweben, besser gesagt, durch den Raum fließen: Hundertschaften präziser Düsen, aufgereiht in mehreren Meter Höhe, funktionierten als dreidimensionaler, flüchtiger Fernschreiber, indem sie Wassertropfen rhythmisiert durch den stark beleuchteten Luftraum fallen ließen.

Das erstaunliche Ergebnis waren fallende Buchstaben aus Wasser, die für je einen Moment mit ungeahnter Schärfe lesbar funkelten. In rascher Folge erschienen so schriftförmige Kronleuchter, der sich überstreckten und verschwanden, kaum dass ihre Lesbarkeit zu leuchten begonnen hat. Diese optische Opulenz traktierte den Cortex bereits zur Genüge: aber die Versuchsanordnung zielte ja zudem auf Bedeutungen. Zur schieren Augenlust an diesem semantischen Regen trat das Faszinationsmoment der künstlerischen Maschine, die mit der Ausschöpfung immer potenterer Software neue Produktionsmuster in die klassischen Gattungen einführt. Man denke etwa an die Musik Bernhard Langs, die an Logik selbstspielender Klaviere einerseits und an (mathematisch) selbsttätige Kompositionsmaschinen ebenso anschließt, wie Popps „Bit.Fall“ an eine Tradition des Sprach- und Poesieautomaten, die neben Enzensbergers berühmtem Automaten auch brillante Kuriositäten kennt wie Georg Philipp Harsdörffers „Fünffachen Denckring der Teutschen Sprache“ aus dem Jahr 1651.

Im Blätterrauschen von Dodona

Solche Maschinen akzentuieren den Umstand, dass sich der Mensch (auch) in der Kunst einen Mechanismus geschaffen hat, der seine Möglichkeiten übersteigt und stets hinter sich lassen wird. Mit diesem Gedanken noch die kalte statistische Quantität multipliziert (das blanke Gegenteil sogenannter Schwarmintelligenz), und man stand vor der kühlen Schwester des feurigen Menetekels.

Man gewann vor dem "Bit.Fall" schließlich gar ein anderes Bild vom Schriftstrom des Netzes, während man Sakkaden den Kaskaden hinterherschickte. Kaum Sexuelles, nichts Pornographisches, kurz: die Fleischesverrohung, die man dem Internet immer wieder vorwirft, ließ sich hier nicht lesen. Einmal fiel ein schüchternes „Sex“ durch den Raum – gerade das Wörtchen, dem Georg Klein in seinem Vortrag jede unmittelbare Durchschlagkraft und Zündfähigkeit abgesprochen hat. Aber, wie Beckett sagt, weh dem, der Symbole sieht. Die Übung derer, die im Blätterrauschen von Dodona Nachrichten suchten und Orakel fanden, ist uns abhanden gekommen. Aber die Strahlkraft des Orakels bleibt, die süße Versuchung der Bedeutung. Jedenfalls konnte ich mich gegen das Gefühl eines guten Omens für dieses Festival nicht erwehren, als ich zu fortgeschrittener Stunde schräg unter dem Apparat stand und in den Kristallvorhängen las: DIESMAL – DROHT – ERFOLG

Zu fortgeschrittener Stunde fand man sich im Kleinen Haus des Ingolstädter Theaters anders in Sinnentaumel versetzt. Noch näher gerückt an die martialische Architektur des Turms Baur wurde hier ins Multimediale und Experimentelle auch der menschliche Körper miteinbezogen, ging es ans Performative. Nach einem Grußwort von Gabriel Engert, Kulturreferent der Stadt Ingolstadt und Vorsitzender der Literaturstiftung Bayern, und einer Performance mit dem Ensemble des Theater Ingolstadt versorgte „großraumdichten“ das Publikum mit spoken words und beats. Die Trio „großraumdichten“,war an diesem Abend als Duo präsent, das heißt: Ludwig Berger an den Plattenspielern, resp. am Rechner, und Pauline Füg am Mikrophon (es fehlte Tobias Heyel). Pauline Füg ist zugleich die erste Preisträgerin des diesjährigen Förderpreises der Literaturstiftung Bayern.

Die Erweiterungsbewegung, die bereits der erste Abend des Festivals erbrachte, wird sich noch bis in den November fortsetzen. Die Drohung des Orakels möge sich erfüllen ...