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Leidenschaft für das dichterische Wort

Ingolstadt - "Was Worte sind, das wisst ihr". Der Schriftsteller Georg Klein, im Frühjahr ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und Bachmann-Preisträger im Jahr 2000, sagt das zu Beginn am Redepult.

Zitiert damit, freilich mit selbst zugefügtem Fragezeichen, den großen Arno Schmidt – und entwickelt daraus nicht nur eine hinreißende Betrachtung, sondern benennt das eigentliche Motto dieses Abends. Was Worte sind: Daran wurde man aufrüttelnd wieder erinnert bei der gemeinsamen Eröffnung der Festivals "Fliesstext10" und "Literatur Update Bayern" im Exerzierhaus im Klenzepark. Durch gleich dreimal künstlerisches Wort: Das berückend, präzise, körperhafte, sich als innere Heimat verortende des Georg Klein. Das flüchtige, virtuelle, wesenlose der Wasserfall-Installation des Künstlers Julius Popp. Und, später, das emotionale, suchende der jungen Literatin Pauline Füg im Kleinen Haus. Welch ein Beginn!

Es gibt wohl keinen besseren Auftakt für zwei Festivals, die sich mit Literatur beschäftigen – das eine regional, das andere bayernweit – als solche Konzentration auf deren grundsätzliche Essenz. Ein rundum überzeugender, in jeder Beziehung hochkarätiger Einstieg in das umfassende Programm ist den Veranstaltern, dem Arbeitskreis für gemeinsame Kulturarbeit Bayerischer Städte und dem Fliesstext-Team gelungen. Und man darf hoffen, dass das so weitergeht. Man wolle, sagte Christine Fuchs, verantwortlich für des Programm des bayernweiten Festivals, das sich in 140 Veranstaltungen mit modernen Erscheinungsformen von Literatur beschäftigt, "ein bisschen frischen Wind ins reiche Literaturland Bayern bringen", gleichzeitig aber aufrufen, "ein sprachbegeistertes Bayern zu sein!". Während es dem Festival "Fliesstext10" darum ginge, ein gemeinsames Gesicht der Region zu finden, "einer Region, die nicht nur Standort, nicht nur Landschaft ist", so Fuchs. Wie wohltuend für die einheimischen unter den rund 300 Gästen im Exerzierhaus: Dass Ingolstadt sich so souverän von dieser gern vernachlässigten Seite zeigen konnte.

Das ist dem stringenten Konzept des Abends mit seiner Konzentration aufs Wort zu danken – keine der üblichen musikalischen Umrahmungen verwässerte deren sinnlich-schwirrende Macht. Einem ebenso stringenten und konzentrierten Team um Fuchs und den engagierten Pfaffenhofener Kulturreferenten und Schriftsteller Steffen Kopetzky (verantwortlich für "Fliesstext10"). Mit Kompetenz und Leidenschaft für Literatur hat man an einem Strang gezogen, das ist spürbar an dem Abend, dem eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit vorausgingen und der nun von Wertschätzung fürs eigene Tun, für die Sache und die Gäste bebt. Und es ist natürlich und vor allem auch den Künstlern selbst geschuldet, die diesen Auftakt prägten.

Georg Klein, "einer der stärksten Stilisten der Literatur in unserer Zeit", so Kopetzky, was prompt zu beweisen war. Kleins präzises, dabei bei aller Gründlichkeit leichtes Wort, der Bogen seiner Erzählung, ausgehend von Arno Schmidts Behauptung der allgemeinen Kenntnis der Worte und über Beweise und Gegenbeweise dahin wieder zurück: Ein delikates, nährendes Vergnügen. Staunender Beifall dann für die Arbeit "bit.fall" des preisgekrönten Künstlers Julius Popp: Per Software aus dem Internet gezogen, fallen die Worte des Tages als Wasserfall herunter von der Decke, schimmern auf, verschwinden. Metapher für den Informationsfluss der Medien, deren Worte freilich soviel unwesentlicher erscheinen als die der dementen alten Bäuerin, die Ex-Zivi Georg Klein einst belauschte und die er ebenfalls in seinen Vortrag packte. Im Kleinen Haus, zur anschließenden "Update Party" dann Pauline Füg und ihre (krankheitsbedingt auf zwei reduzierte) Elektropop-Combo Großraumdichten: Jung, zwischenmenschlich, aber auf ihre Weise nicht weniger präzis in Wort und Wortes Bild ist die Performance im überfüllten Theaterraum.

Füg, die in Eichstätt lebt und deutschlandweit mit Großraumdichten tourt, ist übrigens auch Preisträgerin des von "Literatur Update Bayern" ausgelobten Wettbewerbs "Junge Autoren"; auch Jury-Mitglied und Fleißer-Preisträgerin Kerstin Specht ist an diesem Abend unter den Gästen. Als der endet, will man eigentlich nur eins: wieder lesen. Richtig gutes Wort. Und das ist vielleicht der größte Erfolg dieses erfolgreichen Festivalbeginns.

Von Karin Derstroff

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