Versuchsanordnung zur Renaissancelyrik

Geleitwort

Die hier im Rahmen des LITERATURUPDATE 2010 vorgestellte Version von Die Duette ist in doppelter Hinsicht Experiment und Aperitif für ein Übersetzungsprojekt italienischer Lyrik der Renaissance. Der Satz wurde von Rüdiger Breitbach besorgt, die Flash-Umsetzung für die vorliegende Präsentation im Internet von Christoph Medicus. Das hier präsentierte Layout ist, im Rahmen bedruckten Papiers, als eine Loseblattsammlung vorzustellen: hier kann die Nutzung von Vorder- und Rückseite eines Schriftträgers ohne die Festlegung einer Reihenfolge in einer Art und Weise arbeiten, die ein Buch nicht leisten kann.

Die italienische Lyrik des 14. und 15. Jahrhunderts ist eine Herrlichkeit, die über weiteste Strecken noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Natürlich gibt es die Größen. Dante Alighieri ist freilich bekannt, ist viel genannt, wohl schon weniger gelesen. Die Gedichte seines Freundes Guido Cavalcanti wurden in den letzten Jahrzehnten mindestens zweimal vollständig übertragen, das könnte an sich schon ein Grund zur Freude sein, insofern es erstes Herantasten ermöglicht. Francesco Petrarcas volkssprachige Lyrik ist von Karl August Förster (1784-1841) glänzend übertragen worden, und hinterher noch vielmals weniger glänzend – aber bereits die frühe Lyrik eines so berühmten und bedeutenden Autors wie Giovanni Boccaccio liegt brach. Von den weniger illustren Dichtern, die gern despektierlich als poetae minores apostrophiert werden, ganz zu schweigen: aus der nordalpinen Warte, so scheint es mir, umfassen Anthologien wie beispielsweise die von Giuseppe Corsi 1969 herausgegebenen Rimatori del Trecento über tausend Seiten unbekanntes und blühendes Dickicht. Dem muss abgeholfen werden.

Ein grundlegendes Problem der bisher vorliegenden Übersetzungen scheint mir der Wille zur formalen Imitation. Man braucht sich nicht auf linguistisch erfassbare Eigenheiten des Italienischen und Deutschen zurückzuziehen, um zu sehen, dass die Imitation der Metrik und der Reimstruktur Probleme aufwirft, die bei der Form des Sonettes überhaupt erst anfangen. Die Übersetzung hebt sich so an ihrem Gedicht einen Bruch und muss Halbheit bleiben: weder Nachvollziehbarkeit, noch neue Freiheit. Die Form muss vielmehr in der je einzelnen Drucksache erläutert werden, es bedarf instruktiver Nachwörter. Formale Nachschöpfungen erfüllen ihren Zweck sicherlich in einsprachigen Ausgaben – aber verdoppeltes Papier sollte sie uns schon wert sein, die übersetzte Dichtung, gleich welche.

In diesem Sinne können die beiden Duette hier nur Annäherung und Vorschau sein: beide passen nicht in das Konzept einer Blütenlese des unbekannten Trecento. Im Falle des ersten, das aus zwei Sonette des als Lyriker reichlich unbekannten Pico della Mirandola besteht, fällt der Dichter aus der Zeit, denn er lebte von 1463 bis 1494; sein lyrisches Werk, grob 50 Sonette, ist, wenn man es nach einigem Wühlen endlich in die Finger bekommen hat, in beiderlei Sinne unerhört.

Im Falle des zweiten Duettes, Alighieri/Cavalcanti, sind es Gedichte, die bereits übertragen worden sind; Dantes A ciascun'alma ist sogar, soweit man das für diese alte Lyrik sagen kann, berühmt und bietet sich als beispielhafte (Er-)Öffnung an. Mit diesem Gedicht haben sich wiederum Dichter beschäftigt, u.a. der genannte Förster, Richard Dehmel und Rudolf Borchardt; die jüngste Neuübersetzung ist noch keine fünf Jahre alt. Allerdings haben sich auch hier die Übersetzer daran versucht, die Form nachzubilden, und haben das naturgemäß auf Kosten schon allein der sachlichen Richtigkeit getan. Förster, um nur ein Beispiel zu nennen, denn die Toten sind heute gefahrlos zu schelten, Förster also hat den Gott Amor zur Frau Minne gemacht. Das ist noch das Geringste, aber schon das hat weitreichende Implikationen und verdeckt nicht zuletzt die himmelschreiende Differenz, die in dieser Zeit entlang des Alpenhauptkammes durch die Dichtung wie durch alle freien und mechanischen Künste läuft: während Boccaccio das Decamerone schreibt, sammelt man in Basel die Manessische Liederhandschrift. Es ist meiner Meinung nach die Aufgabe einer Übersetzung der Lyrik des Trecento die epochale Umbruchsbewegung hin zu dem, was später Renaissance genannt werden wird, zu zeigen und nicht zu verschleiern. Das kann nur geschehen, indem die Originale zugänglich gemacht werden.

Natürlich ist es einfach und müßig, zu lamentieren, was mein Geschmack als ungenügend empfindet. Das Konzept der hier vorgeschlagenen Übersetzungen ist nun das folgende. Eine zweisprachige Präsentation ist Pflicht, ist das mindeste, was man tun kann, um der Vermittlung zu dienen – und statt der üblichen zwei Versionen pro Seite und Blick seien es vier: Das Original, eine wortwörtliche, in der Zielsprache ungrammatische Übersetzung (kurz: eine Interlinearversion), die eigentliche Übersetzung, sowie ein knapper Stellenkommentar. Auf diesem Weg soll einerseits die Zugänglichkeit und Vermittlungsleistung zweier Buchseiten maximiert werden, indem möglichst viele Türen in das Gedicht geöffnet werden, und andrerseits soll die lyrische Übersetzung selbst in genau dieser Aufgabe entlastet werden. Aus den genannten Gründen, und nicht zuletzt aus schlichtem Respekt, habe ich auf ein strenges, formales Imitat verzichtet.

Die Idee des Duettes versucht den schnell gegriffenen Aktions-, Assoziations- und Verständnisspielraum nochmals zu erweitern, indem zwei Gedichte in der soeben beschrieben Aufstellung eng aufeinander bezogen werden: in der Umarmung der Vorder- und der Rückseite, die ein Buch nicht mehr kennt (wir haben Lyrik aus einer Zeit ohne Buchdruck vor uns). Die Angelpunkte des umzuwendenden Blattes können verschiedenste Formen annehmen. Zum Beispiel kann eine in Virtuosität und Lust ausgespielte literarische Technik das Scharnier bilden (wie im Falle Picos) oder ein motivischer und/oder biographischer Bezug (wie im Falle Alighieri/Cavalcanti). Das lose/digitale Blatt versucht also, mehr zu zeigen, als zwei Gedichte.

Die Duette inszenieren eine Tenzone zwischen zwei Gedichten, d.h. eine lyrisch gefasste Wechselrede zweier Parteien. Diesen Wechsel von verschiedenen Argumenten und Perspektiven, von Fragen und Antworten, von formalen wie inhaltlichen Bezügen findet man nicht nur in Schriften, er konstituierte auch eine Form des gesprochenen, des improvisierten Verses (so in der provençalischen Form des Partimen). Aber die Eröffnungsbewegung der Frage nach Antwort, das Schreiben, damit noch mehr geschrieben werde, richtet sich auch nach außen: gerade im momentanen Zustand der Texte, gerade in der digitalen Versuchsanordnung, gerade im Kontext des LITERATURUPDATE 2010. Die Duette wollen sich durch Reaktion und Knospung in vielerlei Hinsicht vermehren. In diesem Sinne sind die eröffnenden Verse aus Dante Alighieris A ciascun'alma ernst gemeinte Aufforderung und sind immer noch auf derselben Pirsch nach Antwort, Gespräch und Gedicht, die das Sonett vor über siebenhundert Jahren begonnen hat:

(denn diese Verse sollen ihnen vor Augen kommen
und ihren Eindruck sollen sie als Antwort schreiben)

Erstes Duett

Zweites Duett

 

Kategorien Portraits

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