Städtische Galerie Traunstein

Worte, Kunstwerke und leise Klänge  - Traunstein erlebt Literatur und Kunst neu

Ist es eigentlich erlaubt zu sagen, dass man noch nie eine Klanginstallation besucht hat, wenn man über eine solche schreiben soll? Von CHRISTA SCHMIDT-SANETRA

Aus Sprache und Literatur Gegenständliches zu machen, das war etwas, was mir gefiel. Als Lesenärrin und Bücherwurm war mir das Muschelessen von Birgit Vanderbeke wohl bekannt und ich war äußerst gespannt auf die Werke der Schülerinnen und Schüler der Reiffenstuel-Realschule.

Die Schüler hatten von ihren Lehrern Herrn Stahl (Kunsterziehung) und Frau Helga Weisse-Fürmaier (Deutsch) einen Katalog semantischer Gegensatzpaare erhalten aus welchen sie das Paar wählen sollten, das ihre Phantasie am meisten anregte. Extrem häufig wurde Liebe – Hass gewählt, die Ausarbeitung der Gedanken zu diesem Thema geschah aber auf derart unterschiedliche und phantasievolle Art und Weise, dass sehr deutlich wurde, dass Liebe und Hass nicht in jedem dieselben Assoziationen wachrufen. Einmal wurde dieser Gegensatz in einem Kunstwerk durch die Farben Rot und Schwarz ausgedrückt, ein andermal durch Watte und Metallspitzen. Auch Gegensätze wie Reden und Schweigen oder Streicheln und Kratzen wurden von den jungen Leuten mit so viel Spaß umgesetzt, dass es mir oft schwer viel, die Werke nicht anzufassen, wollte ich doch wissen, wie sich denn nun Liebe oder Hass anfühlt. Durch zwei Räume wurde man so an mal großen, mal kleinen Werken vorbeigeführt, die für mich eine sehr gelungene Verbindung von Wort und Kunst darstellten.

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Der dritte Raum war schließlich dem Muschelessen gewidmet und zog mich in demselben Maße an, wie er mich abstieß. Pink als vorherrschende Farbe rief in mir das gleiche unangenehme Gefühl wach, wie es auch Vanderbekes Worte taten, als ich das erste Mal mit ihrem Werk in Berührung kam. „Um drei nach sechs ist meine Stimmung ins Ungute, ja, geradezu Unheimliche gekippt ... ich wusste ja, dass sie noch leben, die Muscheln, aber dass sie im Topf Geräusche machen, das habe ich nicht gewusst ..."

Genauso erging es mir beim Anblick all dieser rosa Stühle und Tische, der Muscheln, die überall hervorzuquellen schienen, alles, was die Schüler auf künstlerische Art umgesetzt hatten erinnerte mich an die abstrakten Worte der Autorin.

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Ich hatte die Wortkunst–Ausstellung am Eröffnungstag besucht und in allen Räumen herrschte reges Treiben und überall wurde angeregt diskutiert. Ist das eine Entschuldigung dafür, dass ich die Installation von Frau Tanja Hemm zunächst ganz einfach überhörte?

Allerdings, grub sich so nach und nach ein eindringliches, gleichförmiges "Schau!" in mein Unterbewusstsein, dem ich irgendwann die Treppe nach oben folgte. Die Gespräche der anderen Besucher fingen an mich zu stören, raubten sie mir doch sehr viel von den feinen Klängen, die mich nach oben begleiteten. Nach einiger Zeit, wurde mir klar, dass ich das Erlebnis, das ich im Moment hatte, nie mehr in der gleichen Form erleben würde. Und auch sonst würde niemand in der Lage sein, genau dasselbe zu hören, wie es ich im Moment tat. Jeder Hörer erlebt so seine eigene Geschichte. Auch wenn sich Frau Hemm bei der Ausarbeitung ihrer Installation an genau diesem Raum (dem Treppenhaus der Städtischen Galerie) orientiert hatte, so hatte ich doch mein ur-eigenstes Hörerlebnis durch das, was im Raum um mich herum geschah.

Diese leise Intensität ihrer Arbeiten, die einen unbedingt "Hören lassen" wollen, sind nach eigener Aussage Merkmal all ihrer Arbeiten. Man wird gezwungen, innezuhalten, sich auf den Klang und damit sich selbst zu konzentrieren. – Nicht leicht für uns!

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Kennen Sie das Gefühl, bei einem bestimmten Geruch (bei mir ist es der Hefezopf einer alten Großtante) an Orte, Menschen, lang verloren geglaubte Gefühle erinnert zu werden? Ich bin mir ziemlich sicher, sollte ich das eindringliche "Sschau!" aus Tanja Hemms Installation irgendwo wieder hören, würde sofort genau das Bild dieses, völlig unspektakulären, Raumes des Treppenhauses der Galerie vor meinem Auge entstehen. So suchte ich doch wieder nach einem Bild, in dieser bewusst nonvisuellen Installation der Künstlerin.

Die Intensität ihrer Klänge erreicht Frau Hemm durch den ausschließlichen Einsatz von Monosound. Ihrer Meinung nach sind keine Stereoklänge notwendig in einem dreidimensionalen Raum. Da Monosound jedoch leiser, weniger kraftvoll ist, entsteht die nötige Dichte der Töne durch langwierige, komplizierte Kompositionsarbeit, während der die Töne so lange übereinander geschichtet werden, bis jene  Dichte entsteht, die aus den Stücken eben jenes nicht rein musikalische, sondern immer auch körperliche Erleben machen.

Frau Hemm äußerte sich begeistert über die Zusammenarbeit mit Frau Bader und der städtischen Galerie und fühlte sich gut aufgehoben und betreut.

Ich selbst war übrigens noch zwei weitere Male im Treppenhaus und habe die Installation immer wieder neu und anders erlebt .