Wettbewerbstext von Viola Stocker

Polka - von VIOLA STOCKER

Der Sepp war tot. Mutter hatte mich angerufen und mir das am Telefon mit gedämpfter Stimme erzählt. Beerdigung in einer Woche, die Großmutter käme auch mit, mangels eines fahrbaren Untersatzes sollte ich abgeholt werden. Ich sagte zu.

Am Tag der Beerdigung selbst hatten wir Glück. Das sagte auch jeder, den wir vor der kleinen Dorfkirche trafen. Tante  Kati stritt sich mit meiner Großmutter, meine Mutter war bestens gelaunt und unterhielt sich mit ihren Verwandten, stellte mir diesen und jene vor.  Die Reaktion auf mich war immer die gleiche.

"Das ist die kleine Nicole? Mein  Gott, bist du gewachsen."

"Sogar ausgewachsen", gab ich darauf zurück. Meine Verwandtschaft war nun mal so, wir sahen uns nicht sehr oft. Mutter  erzählte allen, dass ich an der Uni war, nicht ohne Stolz. In der  Kirche suchten wir uns einen Platz links, auf der Seite der Verwandtschaft der Ehefrau vom Sepp.

Der Pfarrer redete schön. Einer der Ministranten hatte einen blinkenden Turnschuh an. Tante Minnie und ihre Kinder saßen ganz vorne und schnäuzten viel. Der Kirchenchor sang Mozart, der Trachtenverein bildete ein Spalier, der Krieger - und Soldatenverein senkte die Ehrenfahne. Der Sepp hatte viele Freunde gehabt als Inhaber eines Gemischtwarenhandels.

"Ganz schön hat der Pfarrer das gemacht, " seufzte Tante Kati nach der Kirche. Sie humpelte an die Spitze des Leichenzugs, wo Tante Minnie und meine Großmutter auch warteten. Ich hatte es nicht so eilig, meine Mutter auch nicht.

Der neue Friedhof lag nicht mehr direkt hinter der Kirche. Er  war  am Dorfrand angelegt worden, die Kirche hatte Grund aufgekauft dafür. Die  Gemeinde hatte Landerschließung betrieben und die Bundesstraße ausgebaut, an deren einen Seite nun der Friedhof lag. Alle mussten also über die Straße. Zuerst die drei Ministranten mit dem Kruzifix, dann kam ein Lastwagen, dann die Ministranten mit dem Räucherwerk, zwei Motorräder, dann der Pfarrer, ein Traktor, dann der Krieger- und Soldatenverein mit dem Sarg - gottlob kein Auto- dann Tante Minnie, Tante Kati, die Großmutter, wieder ein Lastwagen, dann die Kinder und Enkelkinder und so weiter. Wir mussten warten, die Spitze des Leichenzugs war längst am Friedhof.  Bis  wir über die Straße gerannt waren, war der Pfarrer fertig mit seiner Ansprache und die Vereine waren dran. Vom Trachtenverein hörten wir nicht viel, wir standen zu weit weg, aber der Krieger und Soldatenverein ließ zum Schluss drei Salutschüsse abgegeben. Es ging durch Mark und Bein. Eine Frau neben mir schnäuzte sich geräuschvoll. Mir war gottlob nicht kalt, ich hatte einen warmen, dunkelblauen Pullover an, aber hier unter den Bäumen konnte auch ein Frühlingsnachmittag kühl sein. Die Masse setzte sich in Bewegung. Anscheinend waren alle fertig und wir konnten kondolieren. Mutter gab mir einen Schubs, ich stolperte Richtung Grab. Ich hatte ein paar Nelken dabei, die hatte mir Mutter noch in die Hand gedrückt. Meine Großmutter wackelte vor mir. Sie warf einen ganzen Strauß Nelken ins Grab, dann eine Schaufel Erde, etwas Weihwasser. Das hielt der Ministrant mit den blinkenden Turnschuhen. Mutter drängte sich vor, dann kam ich an die Reihe. Wir stellten uns zum Kondolieren auf. Tante Minnie hatte ihr schwarzes Festtagstrachtenkleid angezogen und sah sehr schön aus, die Tränen kullerten ihr ständig über die Wangen.

"Mein Beileid, Tante Minnie," sagte ich und gab ihr die Hand, als ich dran war.

"Schön, dass du da bist, Nicole, groß bist geworden. Kommst noch mit ins Wirtshaus? Wir sind beim Kirchenwirt, der ist "

"Lass nur, ich weiß, neben der Kirche."

Sie nickte und war gerührt, dass ich mich noch so gut auskannte. Neben ihr standen ihre Söhne, der Franzl und der Michl, und ihre Tochter, das Hannerl.

"Mein Beileid, " sagte ich zu ihnen, bekam aber nur vom Hannerl eine Antwort, der Michl starrte mich an und ich sah, dass er mich nicht kannte. Ich ging einfach weiter.

Ein paar Meter weiter hinten fröhliches Geschnatter, die Großmutter, Tante Kati und meine Mutter hatten alte Bekannte gefunden und scherzten.

"Sehn wir uns noch beim Kirchenwirt", sagten sie zueinander und freuten sich.

"Der Michl ist auch groß geworden", sagte meine Großmutter. Mutter sagte:

"Er ist fünfunddreißig."

Ich sagte nichts. Mutter sagte weiter:

"Der hat studiert, Ingenieur. Und ist verheiratet und hat einen Sohn. Aber die Frau ist komisch."

Tante Kati schnaubte verächtlich durch die Nase.

"Ein faules Weib ist das, der Michl wandert jetzt aus nach Kanada und lässt sich scheiden, weil er das nicht mehr aushält mit der Frau."

Wenn man quer über die Wiese ging, kam man schneller zum Kirchenwirt. Drinnen war sehr schön gedeckt für die Leich.

"So schön hergerichtet, " freute sich meine Mutter. Der Sepp war schließlich sehr beliebt gewesen. Wir setzten uns an einen Tisch in der Mitte. Es gab Bier und Schweinebraten. Der Trachtenverein war schon da, ein Zitherspieler stimmte sein Instrument. Nach und nach trudelten alle restlichen Leichgänger ein, der Raum füllte sich mit Lachen und Stimmengewirr, das auch nicht leiser wurde, als die engsten Angehörigen eintraten. Der Trachtenverein hatte eine Dreigesangsformation und die sangen nun Auszüge aus der Waidlermesse.

"So eine schöne  Leich", sagte meine Mutter und schnäuzte sich.

Es wurde viel geredet über den Sepp, dass er so freundlich gewesen war und schneidig. Ich hatte ihn nur als alten Mann gekannt, der mir in seinem Gemischtwarenladen eine Tafel Schokolade und eine Flasche Limo zugesteckt hatte. Aber nur, wenn die Tante Minnie nicht da war, bei der gab's nur Bananen, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war. Am besten hatte das Geräucherte vom Sepp geschmeckt, das er zuhause in seinem Rauchschlot selbst gemacht hatte.

Das Hannerl kam zu uns an den Tisch, als wir gerade beim Schweinernen saßen. Sie war  nur wenig jünger als meine Mutter und die beiden kannten sich von klein auf.

"Grüß dich, ist das deine Große, die Nicole?" Mutter nickte nicht ohne Stolz.

"Sauber, dass du mal so ausschaust, Mädel, hätte ich nicht gedacht.", sie blickte mich freundlich an, ich  lächelte zurück.

"Kann nur noch besser werden", brummte ich verlegen. Sie lachte und verstrickte meine Mutter mit aufgeregter Stimme in ein Gespräch. Ich fühlte mich sehr fehl am Platze. Die  Beerdigungen in meiner Familie hatten nur in seltenen Fällen etwas mit Trauer zu tun und mich befremdete das immer wieder, weil es so gegen alle gängigen Klischees verstieß. Mittlerweile war in dem Gastraum das Stimmengewirr so laut geworden, dass sich der Dreigesang eine Pause gönnte.

Ich musste aufs Klo.

"Entschuldige, Hannerl, wo sind denn hier die Toiletten?", fragte ich sie.

"Naus, dann rechts.", sie kuckte mich kaum an. Ich ging raus, dann rechts.

Durch die Eingangstür sah man die Sonne herein scheinen. Als ich von der Toilette wieder kam, schien sie noch immer und ich ging nach draußen. Die große Kastanie vor dem Wirtshaus blühte und weil der Stamm so alt und dick war, hatte man eine Bank rundherum gemacht. Ich setzte mich und lehnte meinen Kopf an den Stamm. Hier war es ruhig, abgesehen von den paar Autos, die vorbeifuhren. Ich schloss die Augen, die Sonne wärmte mein Gesicht.

Erst knirschten die Schritte auf dem Kies, dann nahm mir etwas die Sonne. Ich öffnete die Augen und blickte geradeaus auf ein paar schwarze Hosenbeine.

"Grad wars noch so sonnig", sagte ich. Die Beine wackelten, ich kuckte nach oben. Der Michl stand da und rauchte eine und sah mich an dabei.

"Die Nicole", sagte er amüsiert und fixierte mich.

"Du stehst mir in der Sonne", maulte ich weiter. Da setzte er sich neben mich und blies Rauchwolken in die Luft.

"Rauchen schadet meiner Gesundheit", sagte ich und er drückte die Kippe aus, sah mich an.

"Tschuldige."

Jetzt wäre ich gerne aufgestanden und nach drinnen gegangen und wär der Michl nicht der Sohn vom Sepp gewesen, hätte ich das auch getan. So traute ich mich nicht.

"Eine geschickte bist. Schöne rote Haar, die hast aber noch nicht immer, oder?"

"Ist das nicht wurscht?"

"Alle sagen, du wärst so gescheit."

"Die Leut reden viel."

"Schön bist. Und ruppig."

"Und du? Wie geht's deiner  Frau und deinem Bub?"

"Wie soll es ihnen schon gehn? Besser, wenn ich weg bin."

"In Kanada."

"Vielleicht. Oder anderswo." Er sah mich an.

"Mein Gott, hast du blaue Augen,  sind die echt?"

"Spinnst du?"

"Hast einen Freund?"

"Ich wüßt nicht, was dich das angeht."

Er lachte mir ins Gesicht.

"Also nicht. Ich wenn dein Freund wär, ich würd dich nicht aus den Augen lassen."

"Bist aber nicht."

"Schade, dann blieb's in der Familie. Die Mutter sagt, dass man auf dich stolz sein kann."

"Mich friert's, ich geh wieder rein.", sagte ich und stand auf. Er blieb sitzen.

Als ich schon drinnen im Wirtshausflur stand, kam er mir nach mit seinen langen Haxen, fasste mir mit frühlingskalten Händen ins Genick und sagte:

"So ein schlankes Genick und stur wie ein Ochs."

Es war mir peinlich.

"Lass mich aus, wenn das deine Mutter sieht."

"Die würd sich freun, glaub mir."

Ich wand mich und rutschte unter seiner Hand durch und zurück in den Gastraum. Mir war heiß und ich setzte mich schweigend zu meiner Mutter und trank mein Bier fertig.

Der Michl kam nach und setzte sich zu uns. Er lachte meine Mutter an.

"Hast du eine geschickte Tochter, magst mir sie nicht geben?"

Meine Mutter wurde rot vor Freude und sagte:

"Meine Kinder muss man sich verdienen."

"Mir ist schlecht.", sagte ich.

Der Dreigesang war mit der Waidlermesse durch und verlegte sich auf Polka.

Tante Minnie kam, sie war ganz rot im Gesicht vor Weinen und Bier.

"Mei, so schön macht's mir des für meinen Sepp, Gotthabihnselig."

Sie nahm meine Hand und sagte zum Michl:

"Geh Michl, nimm des schöne Madl und tanz mir einmal mit ihr, ich hab ja keinen Mann mehr und meine Haxen sind zu alt."

Der Michl lachte und sah mich an.

"Sag bloß, du spreizt dich jetzt noch immer?"

Alle lachten. Da musste ich mit dem Michl Polka tanzen.

 

Kategorien Portraits

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