Wettbewerbstext von Axel Roitzsch

Darwin und Lloyd - von AXEL ROITZSCH

Darwin und Lloyd kannte man in der ganzen Stadt. Man wusste, in welchem Haus sie zur Welt kamen, wo sie zur Schule gingen, in welches Mädchen sie verliebt waren, wann sie in den Krieg mussten, nur nicht warum. Man wusste, warum sie seit der Taufe nie wieder eine Kirche betreten hatten, wieso keiner der beiden eine Frau hatte und dass ihre Stimmen sich beinahe glichen. Man erzählte sich, dass sie im gleichen Bett zur Welt gekommen seien, dass sie, hätte Lloyd nicht eine Stufe in der Schule übersprungen, sich immer eine Bank geteilt hätten, und warum Lloyd kein Hörgerät wolle, obwohl er wegen seiner Schwerhörigkeit über Jahre hin verspottet wurde. Woher das alle wussten, wisse niemand so genau, Darwin und Lloyd seien  immer überaus schweigsam. Nun, nur die Wenigsten wussten, dass sich Darwin und Lloyd jeden Sonntagmorgen, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die ganze Stadt noch schlief, im Mirror’s Diner trafen. Außer ihrem alten Freund hinter der Bar, und das bin ich, waren sie dort für sich allein. Diesen Umstand schätzen könne man erst, wenn man das Wissen, das sie beide hätten, noch nicht habe, sagte Lloyd manchmal.

Dichter Nebel stand in den Straßen, als Lloyd, auf seinen Gehstock gestützt und den Hut tief in die Stirn gezogen, um kurz nach sechs Uhr morgens das Diner betrat. Er folgte leisen Schrittes seinem Blick um die Theke herum, betrachtete dabei verstohlen die leeren Tischreihen, schlurfte hinter bis in die Herrentoilette und horchte auf dem Weg zurück zum angestammten Platz vor dem großen Fenster unauffällig an der Tür zur Damentoilette. Es war noch niemand da. Seinen Gehstock und den Hut legte er auf den Tisch und ein Bündel Zeitungen aus der Innentasche seines Mantels neben sich. Auf die erste Zeitung warf er nur einen flüchtigen Blick, diese aber dann gleich unter den Tisch in den Mülleimer, die zweite breitete er vor sich aus. Titelblatt und Seite Zwei schnell überflogen übersprang er die nächsten sechs Seiten, räusperte sich bei der siebten, blieb den Rest der Seiten stumm und legte die letzte beiseite. Dann drehte er sich zu mir um und hob die rechte Hand, das Zeichen für eine große Tasse Kaffee.

 

Er sagte oft, die großen Dinge da draußen würden nicht aus den Gründen geschehen, die sie vorgaben. Er sagte, Zeitungen lese er zum Zeitvertreib.

Kurz vor sieben, aus dem immer dichter werdenden Nebel heraus, betrat auch Darwin das Diner. Er ließ seinen Blick schweifen, langsam, nickte mir zur Begrüßung zu und legte seinen Hut auf die Hutablage am Eingang. Er schien vergnügt. Lloyd war hinter einer aufgeschlagenen Doppelseite verschwunden, der Mülleimer unter dem Tisch quoll über, die letzten Tage war viel geschehen. Darwin setzte sich ihm gegenüber und schlug die Speisekarte auf. Kurz darauf murmelte Lloyd seinen ersten Satz an diesem Morgen: „Bei den vielen Scheißhäufchen am Boden übersieht wohl selbst der Hochnäsigste, wie schön’s am  Himmel ist.“ Darwin betrachtete die Rückseite der Zeitung, von Lloyd sah er nichts. „Lesen Sie gerade Politik?“, fragte er ihn mit deutlicher Stimme. „Nein, Sport.“ „Natürlich.“ Darwin feixte, als Lloyd zaghaft das Blatt sinken lies und endlich erkannte, wer ihm gegenüber saß. Dann sagte er: „Ich habe dich nicht kommen hören“, lächelte, erhob sich gemächlich und umarmte seinen alten Freund.

So saßen die beiden dort, alle Zeiten hinter sich gelassen, und tauschten sich aus über Dieses und Jenes. Ich hörte sie lachen und machte mich an die Zubereitung von Darwins Frühstück. Er hatte es sich zwar noch nie nehmen lassen, vor seiner Bestellung meine Speisekarte durchzublättern, dann aber doch immer entschieden, mir die Wahl seines Mahls zu überlassen.

Auf sein Geheiß wartete ich schon lange nicht mehr. Fünfzehn Minuten später kam ich wieder aus der Küche, mit meinem größten Tablett, reich beladen. Ich hörte sie reden. „Der Mensch jagt nur nach dem, was ihm gefällt, meinst du das?“, fragte Lloyd, etwas lauter als gewöhnlich. „Nein, geht es der Seele gut, wird sie faul, meine ich.“ Am Tisch angekommen, reichte ich Lloyd seine zweite Tasse Kaffee. Er sagte: „Also geht er nur auf die Jagd, wenn sein Haus brennt?“ Für Darwin einen schwarzen Tee. Dieser daraufhin: „Nein, davor noch schafft er sich die Phantasie, und sie den Helden die Welten, Gefühle, Gedanken, Schönes und Natürliches, das Leben - auch wenn es vergeht.“ - „So wie der Geschmack von Kaugummi in silbrigem Papier.“ Noch ein Stückchen Zucker und zwei Knäckebrot. „Die wahre Liebe kann helfen, gerade die Jagd nach ihr.“ Einen Haferbrei mit Ziegenkäse. „Nur weil die Frau die große Sorge nimmt, umsonst zu sein. Was man kann …“ Dazu eingelegte Früchte – „Man kann nicht mehr, als zur Vermehrung sein, meine ich.“ – und ein Ei. Ich stellte es im Eierbecher vor  alle anderen Sachen, denn aus Erfahrung war es das Ei, mit dem Darwin sein Frühstück begann. Er sagte: „Danke.“ Lloyd lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf, dann vergrub er das Gesicht in den Händen. Ich überlegte, ihn zu fragen, ob er noch etwas bestellen wolle, tat es aber nicht. Darwin sagte oft, Streitende seien sich näher als sich Liebende. Ich würde nur stören. Draußen lichtete sich der Nebel. Die ersten Menschen verließen ihre Häuser.

Das Küken schlüpfte dann um zwanzig nach sieben. Ich war im Lager gewesen, um Salz zu holen, und als ich wieder zurückkam und einen Blick auf meine beiden einzigen Gästen warf, sah ich es. Darwin hatte wohl gerade versucht, das Ei zu köpfen, er hielt noch das Messer in der Hand, jedenfalls war es schon mit seinem kleinen gelben Kopf durch die Schale gebrochen und piepste nun beharrlich. Der Becher, in dem es sich samt den Resten des Eis noch befand, kippelte unter der steten Zappelei, solang, bis der erste Flügel frei, das Gleichgewicht also dahin war und alles zur Seite umfiel. Mit dem Schreck blieb das Piepsen aus, das Kleine musste doch recht erschöpft sein, dann setzte es auch schon wieder ein, schrill und steinerweichend. Ein letzter Ruck, ein Beinchen kam zum Vorschein und ein zweites und gemeinsam sprengten sie die Schale. Darwin und Lloyd starrten es an. Darwin legte das Messer aus der Hand. Lloyd sagte: „Es ist zu laut.“ – „Ja.“ – „Man müsste es füttern.“ – „Nein“, erwiderte Darwin, „nicht die ersten Tage.“ – Bevor Lloyd sich versah, griff Darwin nach dem Hut auf dem Tisch und drehte ihn um, umfasste mit der anderen Hand das nassgelbe Geschöpf und legte es hinein, „Jim, etwas zum Wärmen!“, rief er mir zu. Ich eilte zurück, was wärmt denn gut, bei all der Hast, dort lagen die Topflappen, daneben das Telefon und da, es klingelte. Warum bloß jetzt? Ich blieb stehen. Vielleicht eine Bestellung für den Mittagstisch. So gut lief es nun nicht in letzter Zeit, man könnte zufriedener sein. Ich ging ran.

Es ist kein Leichtes, einen Gesprächspartner so zu achten, wie er geachtet werden will, zumal bei einem von so langsamer Stimme.  Einen Tisch wollte er auch nicht reservieren. Was er genau wollte, vergaß ich dann auch schnell. Ich klemmte mir lieber den Hörer zwischen Ohr und Schulter und suchte weiter nach was Warmem. Wort für Wort verstrich die Zeit Und als er sich dann, schon die halbe Küche war durchsucht, verabschieden wollte mit der ausgesprochenen Hoffnung, beim nächsten Mal auf mehr Entgegenkommen zu stoßen, fragte ich ganz frei heraus, was ich denn tun könne, Darwin sei ein Küken geschlüpft und nun brauche es etwas Warmes, es piepse unaufhörlich. Er fragte nur, ob ich noch ganz bei Trost sei und legte auf. Vom Tisch her hörte ich Stimmen. „Beruhig dich, Jim“, sagte ich.

Darwin hatte sich den Hut mit dem Küken darin auf den Kopf gesetzt. Lloyd rührte seinen Kaffee um. Auf einmal sagte er: „Es ist der Gedanke, der auf Reisen will, nicht das Herz“, dabei er die unter Darwins Hut klar sich abzeichnende Beule misstrauisch beobachtete. Darwin allerdings fühlte sich sichtlich wohl, die eingelegten Früchte schienen auch zu schmecken. „Aus ihren Häusern muss man sie holen, nicht ihnen den Hof machen!“, sagte er mit vollem Mund. Lloyd sprach: „Manchmal kam es mir vor, wie eine Schulstunde auf dem Bahnsteig; wer stetig nur an den Lippen der Lehrerin klebte, für den war der Zug bald ab…“, und stockte, als unter der Hutkrampe kurz ein Beinchen hervorkam, Halt auf Darwins Ohr fand und dieser es mit einer hilfreichen Handbewegung wieder hinaufbugsierte. „Und du?“, fragte Darwin. „Ich war der Schaffner.“ Auf der gegenüberliegenden Straßenseite unterhielten sich zwei Herren, ein dritter kam hinzu, er zeigte auf mein Diner. Vielleicht noch ein paar Gäste. Darwin hatte seinen Tee nicht angerührt.

„Liebende vertragen nichts“, sagte Lloyd. Darwin schwieg, vielleicht, weil er beschäftigt war. Mit der einen Hand versuchte er, den Hut leicht anzuheben, mit der anderen, das Kleine zu greifen. Er hatte sich von mir einen auf dem Herd aufgeheizten Topf bringen lassen, mit Tüchern darin und Deckel darauf. Lloyd blickte verträumt in die Leere, dann aus dem Fenster, leise sprach er weiter: „Erst wollen sie selbst getragen werden und dann tragen sie doch ab und an das Herz des Anderen, nicht auf Händen, eher mit Worten, in die Welt hinaus.“ Es piepste wieder, flaumig und gelb, Darwin verwahrte es sicher in seiner Hand, nahm noch die zweite dazu und legte es vorsichtig in das Innere des Topfes ab. Irgendetwas sagte er dabei, doch zu leise, als dass es bis zu mir drang. Lloyd nickte. Darwin nahm den Deckel am Griff und ließ ihn langsam auf den Topf absinken, so langsam, dass es kaum einen Ton gab, als Grat und Fuge sich fanden. „Lass die Worte darüber“, hörte ich Darwin sagen. „Ich denke nur nach, was wäre“, entgegnete Lloyd, „wenn das, was missfällt, nicht nur immer das wäre, was bleibt.“ Dann rief er mir zu: „Jim, etwas zum Wärmen!“, und zeigte mit dem Finger auf den Topf.

Eine Kochplatte schien mir gerade recht, eine einzelne hatte ich noch, schnell war sie aufgebaut, den Topf darauf und den Stecker in die Buchse, dann Stufe eins. Ab und zu sahen sie nach dem Kleinen und unterhielten sich von da an mit gedämpfter Stimme, denn tatsächlich war es, nun, da die richtige Temperatur erreicht war, eingeschlafen. Endlich trank auch Darwin seinen Tee. Er sagte oft, der Alltag lebe dort, wo ihn die Geschichte nicht findet.

Warum und wie es kam, verstand ich nicht, aber einen Moment später schlug ein Stein gegen das Fenster. Dann noch einer, größer, er prallte ab, der dritte blieb stecken. Eine Menge Männer und auch ein paar Frauen liefen auf uns zu, direkt über die Straße. Sie trugen mit sich, was sie tragen konnten, die Männer Eisenstangen und Steine, einer holte schon wieder aus, die Frauen zu zweit einen großen Sack, eine andere unter dem Arm ein lebendiges Federvieh, drei weitere liefen einfach nur mit. Darwin und Lloyd blieben ruhig sitzen und sahen mich an. Ein vierter Stein flog, und ein Mann und eine Frau rannten auf die Eingangstür zu. Ich lief zur Tür und drehte den Schlüssel zweimal um, gerade noch rechtzeitig. Die Frau fluchte, das Federvieh gackerte, der Mann schlug mit seiner Stange auf die Tür ein. Zwei Weitere taten es ihm gleich und versuchten sich am Fenster vor Darwin und Lloyds Tisch. Einer blieb zurück und brüllte. Ich kannte die Stimme, die Langsamkeit darin. Sein Gesicht spiegelte Zorn. Darwin und Lloyd erhoben sich nun doch mit einiger Mühsal nach dem langen Sitzen, Lloyd bedeutete mir, zu ihnen zu treten und Darwin hob sachte den Topf an, umgriff ihn fest mit beiden Händen, so, als würde die Hitze ihm vergeben. Die Menge schrie. Mit einem letzten Schlag zerbarst die Scheibe und der Erste stürzte sich auf Lloyd, der ging zu Boden, ich hörte nur mit einem Ohr, wie auch die Tür hinter mir dem festen Willen nachgab. Lloyd sagte oft, vor allem Wollen sich gedulden, das seidie Kunst. Die Menge stieß in den Raum, eine Frau stolperte über den Eimer voller Zeitungen, einer fing sie auf, und Darwin gewann noch ein paar Schritte auf dem Weg zur Hintertür, er kannte sie sicher noch aus Kindertagen. „Es soll leben!“, rief da eine Frau ganz errötet vor Erregung und schleuderte nach ihm das gackernde Vieh, sodass er davon getroffen zu Boden ginge. Darwin wich aus, geriet aber doch ins Straucheln und wusste sich wohl nicht anders zu helfen, als seinerseits mir etwas entgegenzuschleudern. Und eh ich mich versah, fing ich auf, den Topf. Der Deckel flog ab und aus dem Inneren kam das Piepsen, so laut und kräftig, so betörend, dass der Raum sofort verharrte. Man sah mich an, wie ich mit der Hitze kämpfte, den Topf nicht fallen zu lassen, ihn an den Griffen weit von mir streckte, den aufgerissenen Augen entgegen, den offenen Mündern. Nur Lloyd regte sich. Er löste sich von seinem Peiniger und richtete sich unter Mühsal auf. Sein Gehstock war verloren. An allen vorbei durchschritt er den Raum, dorthin, wo auch Darwin sich nach oben kämpfte. Ruhig ging er ihm zu Hilfe. Die ersten Blicke wandten sich nach ihnen. Irgendwoher gackerte es. Lloyd sagte: „Lass es ihnen.“ Und Darwin: „All das fein Gedachte ist nichts mehr, es ist zwar da, doch niemand achtet noch darauf, niemand hört es, es vergeht mit dem Dunst des Tages. Dort ist der Mensch er selbst, ein Mensch und frei, an jenem Zentrum, wo das Tier weichen Blickes rundherumschleicht. Er ist sich ein Geheimnis und wird nie wissen, ob es in ihm schon tot, oder nur Gott es ist, der starb.“ Dann gingen sie, jeder gestützt auf den anderen, zur Tür, durch diese hindurch, Darwin vergaß seinen Hut. Blicke, so ungläubig wie ich sie noch nie gesehen habe, folgten ihnen, entgeistert, Fäuste sanken herab und ich stand da, mit dem piepsenden Küken im Topf. Es war außer sich vor Kälte.

 

Kategorien Portraits

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